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kurzgeschichten

Fritz III – Bavarian botschafter for saving the wirtshaus culture

Als wir ankamen, in einem Ort, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, beziehungsweise sowieso nicht aussprechen kann, setzten wir uns in die nächst beste Gaststätte und taten das, was wir immer taten: wir tranken für die soziale Sache. Natürlich haben wir schon lange erkannt, dass der Verfall der Wirtshauskultur globale Ausmaße hat. Wir sind „bavarian botschafter for saving the wirtshaus culture“. Wir haben eine Botschaft. Zumindest Fritz sagt das. Also sitzen wir nun in einer kleinen Schenke, einem modrigen Kellerloch mit von den Wänden bröckelndem Putz, eben diese Botschaft verbreitend.

Der Wirt selbst schenkte uns ein und spendierte den einen oder anderen Kurzen dazu. „Egészségére!“, immer wenn er das Glas hob und er hob es oft. Jaja, Prost. Dann, bei gutem Pegel, geschätzten 2,3 Promille, fängt Fritz immer an zu philosophieren. Über das fresswütige Untier „Kapitalismus“, das diesen Wirt hier seine Kundschaft kostet, weil die Leut lieber zu Hause vor der Glotze sitzen oder sich bei Burger King gestampfte Rinder die Kehle hinunter würgen. Immer wieder verblüfft er mich, sei es beim Schlachtschüsselessen zwischen kauen, schlucken und atmen oder in irgendeinem anderen unpassenden Moment mit den neuesten Meldungen von der Wirtschaftsfront. „Den Bundesbankbericht musst du dir unbedingt mal reinziehen“, dabei benutzt er dann den Teller als Verstärker seines schmatzenden Sprachorgans, „da steht´s schwarz auf weiß geschrieben. Es hat in den letzten Jahren eine Umverteilung des Kapitals zu Lasten des kleinen Mannes und zu Gunsten der Bonzen stattgefunden.“ „Aha“, sage ich dann.

Manchmal glaube ich, dass Fritz so etwas wie Ticks hat. Unkontrollierbare Auswürfe größter Güte. Intelligenten Wortdurchfall sozusagen. Vor allem, weil er danach nicht gewillt ist, das Thema aufrecht zu erhalten oder gar damit eine Diskussion zu beginnen.

Also starrte ich weiter auf die Kuckucksuhr, die drüben über der Schenke hing und pfiff, immer wenn das Vögelchen sich aus seinem Haus traute, mit ihm das Stundenlied. Und wie ich Fritz so von der Seite betrachtete; die Fetzen Fleisch vom Abendbrot, die noch zwischen seinen Barthaaren klebten, die abgekauten Fingernägel und den hartnäckigen Dreck darunter. Und dann noch seine Art, dieses ungehobelte, babyhafte, da konnte ich es gar nicht glauben, dass es wirklich Leute gibt, die Fritz bitten, ihr Kind zu taufen, und dass diese Leutchen auch noch Ungarn sind und wir jetzt in Ungarn sind und doch sowieso alles ist wie daheim mit einem Schoppen Bier und Musik, die aus dem Wirtshausradio dröhnt.

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