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kurzgeschichten

Fritz IV – Meißner Porzellan

Ich starrte ihn eine ganze Weile so an, aber das kümmerte Fritz nicht. Er unterhielt sich mit dem Wirt, keiner verstand den anderen, doch es gab anscheinend viel zu bereden. Der Wirt war ein Mensch, dem man alles zutraut. Ich stellte mir vor, wie er eine Wildsau mit seinen großen Pranken erlegt, sie ausnimmt und ohne zögern roh auffrisst. Ein Harvester unter den Tieren, der nichts hinterlässt als tote Erde.

Trotzdem hatte der eberartige Wirt etwas Herzliches hinter seinem dickbackigen Gesicht. Das Herzliche schien ihm allerdings ab und an in die Leistengegend zu rutschen und dort äußerst herzlich zu kribbeln. Aber wiederum ein beherzter Griff, ein kurzes Kratzen und die Herzlichkeit war wieder da, wo sie hingehörte.

Beim wilden Gestikulieren schwappte Bier aus Fritz‘ Glas. Kontinuierlich betröpfelte er sich mit dem Gerstensaft. Ein schönes Fifties-Muster gab das auf seinem weißen Hemd. Ich konnte mich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, dass Fritz in wenigen Stunden ein Kinderköpfchen über einen Taufbrunnen balancieren soll. Da gibt es doch tatsächlich Leute, die Fritz bitten, ihr Kind zu taufen. Fritz ist ein elender Tollpatsch, um nicht zu sagen ein Sandler. So einem würde man ja auch keine Meißner Porzellanfigur in die Hand drücken. Das Ding würde garantiert runterfallen. Gerade deswegen.

Woher kannte er diese Leutchen? Ich überlege, ob man mit den Eltern, dessen Kind man taufen soll, befreundet sein muss. Wahrscheinlich nicht, wenn die Eltern das Kind selbst nicht mögen.

„Barack Pálinka. Gut“, sagte der Wirt, als er drei Kurze vor uns abstellte. Ohne zu zögern kippten Fritz und ich den Marillenschnaps hinunter. Wir sangen die ganze Nacht. Ungarisch, deutsch, irgendeine Mischung aus beidem. Zuletzt, denke ich, haben wir nur noch Konsonanten gesungen. Draußen wurde es bereits wieder hell, ich vermutete es zumindest, denn dieses Kellerloch besaß keine Fenster. Ich packte Fritz, um ihn ins Bett zu bringen, denn die krumm-buckelige Fragezeichnfigur, die er in diesem Moment machte, war für die katholische Kirche und das Taufsakrament untragbar. Der Wirt war am Tisch eingeschlafen und Fritz kurz davor. Er hatte seine Schuhe ausgezogen, sie waren unauffindbar. Ich versuchte sein halboffenes Hemd zuzuknöpfen und steckte es ihm, während ich seinen Arm um meine Schulter warf, in die Hose. Dann ging die Wirtshaustür auf. Blöder Moment.

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