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kurzgeschichten

Als die Raupen schliefen

Die Seidenraupen verschwanden vor ein paar Tagen. Sie waren ohne Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens aus dem Kokonhaus gestohlen worden. Die Maulbeerzweige lagen da wie unberührt, als hätte man jedes Tier von seinen Blättern gepickt. Kein Glas und keine Tür gingen zu Bruch und der einzige Schlüssel zum Haus hing nach wie vor um den faltigen Hals des Seidenraupenzüchters Apostolos. Es war so, als wären sie, tausende an der Zahl, einfach weggezaubert worden.

Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell, als hätte der Wind sie durch Soufli getragen: „Die Raupen sind weg!“ „Wie, die Raupen sind weg?“ „Sie sind einfach verschwunden und nicht eine einzige ist mehr da.“ Es passierte, als die Raupen schliefen, gegen Mittag. Niobe weiß es noch genau. Sie war gerade auf dem Weg zu Dimitrios, der in den Maulbeerplantagen Zweige schnitt. Die Raupen aßen viel. Im Vergleich, so rechnete Niobe, bestimmt so viel wie ein ausgewachsener Elefant. Dimitrios musste mehrere Male täglich gehen, um Zweige von den Plantagen zu holen. Die Raupen fraßen ununterbrochen, außer, wenn sie schliefen. Die Straßen in Soufli waren leer an diesem Tag und es herrschte eine selige Stille, die dem Schlaf der Raupen zu verdanken war. Sie schliefen viermal, in den 40 Tagen, die sie lebten, ganze 24 Stunden. Dann schlief auch Soufli. Doch es war eine seltsame Stille, die das kleine Bergdorf umgab und Niobes Bein schmerzte. Es schmerzte dort, wo eigentlich kein Bein mehr war, eine Art Phantomschmerz, den Niobe schon lange nicht mehr gespürt hatte. Nicht mehr, seitdem die hölzerne Wunde, die der Stamm des Maulbeerbaums damals hinterlassen hatte, verheilt war.

Niobe bog in ein Seitengässchen. In einem schattigen Hauseingang hob sie ihren Rock und drehte ihr Bein, schnallte die Riemen fest und erschrak, als sich plötzlich jemand räusperte. „Du solltest dich nicht in solch dunklen Gassen herumtreiben, Niobe“, sagte die Gestalt, deren Umriss sich vom Schatten der Häuser löste, als würde er aus einem schwarzen Loch hervortreten. Es war Elias, der mit verschränkten Armen auf sie zu ging. Er pfiff und fuhr mit einem Stock über die Fassaden. Dann richtete er den Stock auf Niobe, fuhr damit ihre Kleidung entlang bis zu den Beinen hinab. Er strich grob über den Stoff, und klopfte darauf. „Ist es nicht Unglück genug“, sagte er und grinste, so dass seine Goldkronen das spärliche Sonnenlicht reflektierten. Niobe war, als hätte sie einer Raubkatze direkt in das Maul gesehen. „Nimm dich in acht. Sonst wirst du vielleicht mehr, als nur dein Bein verlieren“, quietschte er und verschwand mit hohem Lachen so plötzlich, wie er aufgetaucht war. Das war vor ein paar Tagen.

Nun sind die Raupen wieder da; auf ebenso mysteriöse Weise aufgetaucht, wie sie verschwunden waren. „Die Raupen sind wieder da“ „Wie, die Raupen sind wieder da?“ „Ja, stellt euch vor, der Sohn des Züchters, Elias, hat sie gestohlen!“Ein kleiner Junge schreit es durch die Gassen und Niobe traut ihren Ohren nicht. „Was sprichst du da“, hält sie den Jungen an und packt ihn unsanft an den Schultern. „Die Raupen sind wieder da.“ Niobe schüttelt den Kopf. „Nein, das zweite. Wer hat sie gestohlen?“ „Elias, der Sohn des Raupenzüchters. Man hat sie gerade in seinem Haus gefunden. Die Polizei und Apostolos sind bereits dort.“ Dann läuft er davon, um die Nachricht auch in die entlegensten Winkel von Soufli zu schreien. Niobes Bein pocht. Es ist der gleiche Schmerz, den sie an dem Tag hatte, als die Raupen verschwanden.

Es hat sich bereits eine große Menschenmenge versammelt. Ein Polizist stellt Elias Fragen. Er hat den Kopf nach unten geneigt, sieht abgemagert und zermürbt aus. Immer, wenn er die Antwort verweigert, gibt Apostolos Elias einen Klaps auf den Hinterkopf. Frauen tuscheln: „Dass der nicht ganz richtig im Kopf ist, wussten wir ja, aber die Raupen seines eigenen Vaters zu stehlen …“ Niobe beachtet das Geschwätz nicht. Weiß sie doch, wie es wirklich gewesen ist. Zumindest glaubt sie es zu wissen. Sie kämpft sich durch die Menge zu Dimitrios, der abseits an einer Mauer lehnt. Er holt gerade einen Apfel aus seinen Taschen hervor und beginnt ihn zu schälen, als Niobe auf ihn zustürzt, um ihm die Begegnung mit Elias vor ein paar Tagen zu schildern. „Und was hat das mit dem Verschwinden der Raupen zu tun“, fragt Dimitrios schmatzend. „Verstehst du denn nicht“, sagt Niobe aufgeregt, „Ich war es, ich habe es ihm gewünscht.“ Niobe stockt der Atem. Sie kann selbst nicht glauben, was sie gerade ausgesprochen hat. „Niobe“, sagt Dimitrios, als würde er mit einem Kind sprechen, „Du brauchst ihn nicht in Schutz nehmen. Nicht nachdem, was er dir angetan hat. Die Sache ist eindeutig. Er hat mit Apostolos‘ Schlüssel die Raupen aus dem Kokonhaus gestohlen.“ Dimitrios‘ Stimme zittert. Niobe sieht, dass auch er diese Version nicht glauben kann. Aber es scheint die einzig rationale Erklärung zu sein. „Nein“, sagt Niobe mit sicherer Stimme, „Ich war es.“ Dimitrios beginnt laut zu lachen. Apfelstücke fallen aus seinem Mund. „Du weißt, er kann es nicht gewesen sein“, sagt Niobe mit Nachdruck, „Apostolos sieht jede Stunde nach den Raupen, ob sie auch genug Futter und Wärme haben. Den Schlüssel gibt er nie aus der Hand und wie hätte Elias in so kurzer Zeit tausende von Raupen aus dem Kokonhaus über die Maulbeerplantagen hinab ins Dorf bringen sollen?“ Niobes Stimme überschlägt sich. Dimitrios hält ihre Hände, die wild in der Luft herumwirbeln. „Ich weiß“, versucht er sie zu beruhigen. „Aber was meinst du mit ‚du hast es ihm gewünscht‘?“ Niobe senkt ihren Blick. Es noch einmal auszusprechen scheint es noch lächerlicher zu machen. „Du kennst doch das alte Sprichwort der Seidenraupenzüchter“, beginnt Niobe. Aus den Augenwinkeln betrachtet sie Elias, der aussieht, als hätten ihm die Raupen die Haare vom Kopf genagt. Sein Gesicht ist ohne Emotionen, sein Blick verdattert. Wie damals, als der Maulbeerbaum auf Niobes Bein fiel, den Elias an der falschen Stelle angesägt hatte. „Dieses Sprichwort …“, wiederholt Niobe. „Wünsche deinem Feind nichts schlechtes, wünsche ihm Seidenraupen. Ich habe Elias Seidenraupen gewünscht.“

[4. Preis der RSGI (Regensburger Schriftstellergruppe International) im September 2010]

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