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kurzgeschichten

Marienhof-Scheiße, Stuttgart 21 und Löffel im Karton

Studentenpartys, Wohnheimfeste, Semester Opening Feten und überall Aperol Sprizz in Kanistern. Ich sehe ihnen zu, wie sie es sich in die Kehle gießen, pikiert die Gläser umfassen: Sind es normale Gläser, dann oben am Rand, bei Sektgläsern wird nicht der Stil zum Klammern benutzt, sondern das gesamte Glas fest umschlossen, als würde das besonders alternativ wirken. Im Millennium, also da wo ich herkomme, trinken sie Whiskey-Cola, meist auf ex und meist schwingen sie zu Heavy Metal ihre fransigen langen Haare. Wer sich dort als Kerl einen Aperol Sprizz bestellt, ist entweder besonders mutig, oder einfach nur selten dämlich, aber auf jeden Fall erhöht sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, noch ordentlich eins auf die Fresse zu kriegen.

Hier bewegen sie sich wie Roboter, als hätten sie einen epileptischen Anfall, zu der Musik von irgendwelchen Bands, die doch alle klingen wie Mando Diao oder Oasis. Für so einen Tanzstil und für solche Mädchenjeans wär man im Millennium sofort als Schwuchtel abgestempelt worden und würde zusätzlich eins auf die Fresse kriegen. Ich dürfte gar nicht hier sein. Schließlich habe ich einen richtigen Job, verdiene Kohle, die ich für den Pizzaservice und Alkohol ausgebe. Also zumindest in letztem Punkt bin ich einem Studenten sehr ähnlich.

Ich drücke mich durch die Menge, schnappe Wortfetzen auf, torkele von einem Zimmer zum nächsten. Ich folge dem leicht süßlichen Geruch und stolpere in ein Zimmer, wo gerade ein Joint im Kreis rotiert. Der Typ, der aussieht wie ein Franzose, mit Pickeln im Gesicht und einer Che-Guevara-Mütze auf den wurstigen Haaren, gestikuliert wild in der Luft. Ich verstehe nur Bahnhof. „Hey du, was hältst du eigentlich von der Sache in Stuttgart? Glaubst du Geißler wird das richten, oder ist er nur ne Witzfigur im System?“ Ich presse die Lider zusammen, drücke den Filter und bestreiche den Joint mit Speichel. „Sollen sie ihn doch haben, diesen scheiß Bahnhof“, sage ich und nehme einen Zug.

Auf dem Flur hat sich jemand in einen Papierkorb übergeben. Ich tippe auf eine Frau. Frauen übergeben sich immer in Papierkörbe, ich weiß auch nicht wieso. Die Wände drehen sich. Es ist schon komisch, irgendwie. Die Mädels auf solchen Partys sehen alle gleich aus. Sie tragen kurze Röcke mit Leggins und flachen Schuhen, wie kleine Schaufensterpuppen von diesen Modegeschäften, die sich in der Fußgängerzone immer eins an das andere lehnen. Wahrscheinlich ist es so wie bei McDonalds und Burger King. Die stehen ja auch immer nebeneinander, ich glaub wegen dem Umsatz, hab ich wo gelesen.

Ich stütze mich an die kaminrote Backsteinmauer, die das ganze Gebäude durchzieht und ihm den Charme eines noblen Zuchthauses verpasst. Ich nehme ein viel zu warmes Bier aus meinem Rucksack, als mich jemand an der Schulter antippt: „Kann ich auch eins“, fragt sie und ich bleibe an ihr haften, weil sie nicht so aussieht, wie eine der unzähligen Klamottenzwillinge. Sie trägt Boots mit hohem Absatz, eine enge Jeans, in der ihr Arsch wie ein reifer Pfirsich bombastisch zur Geltung kommt, und ein schlichtes Top. Ihre leicht welligen Haare kleben an den Schultern, sehen aus wie helle Karamellfäden und  riechen nach Shampoo. Sie blickt mit verdrehten Augen in ihr Glas, an dessen Innenwänden vom ständigen Rühren mit dem Strohhalm und auf Grund der Hitze orange-gelbe Ränder angetrocknet sind. Ich gebe ihr eine Flasche, meine letzte, und öffne sie lässig mit dem Feuerzeug. „Katrin“, sagt sie mit einer zuprostenden Bewegung und ich zucke mit den Schultern. Sie nippt nur kurz. Als sie absetzt, zieht sich ein Speichelfaden zwischen ihrem Mund und der Flaschenöffnung entlang, den ich trotz leichter Übelkeit ziemlich sexy finde. Dann reicht sie mir die Flasche, natürlich nicht, ohne mich dabei mit ihren dünnen Fingern flüchtig zu berühren. Ihre Stimme dringt dumpf zu meinem Ohr, obwohl sie bereits mit ihren Lippen daran hängt, als würde man unter Wasser Radio hören. Sie studiert irgendwas mit Medien, höre ich sie sagen. Dann klinke ich mich aus. Wenn jemand sagt, er studiere irgendwas mit Medien, dann muss ich einfach abschalten.

Ich bin nicht der Typ, der auf Buchvorstellungen, Vernissagen oder ins Theater rennt, weshalb ich es mit so einem Studentenmädel nie länger als eine Nacht aushalte. Natürlich sehe ich eloquent aus mit meinem Gesicht. Mein verdammtes Gesicht ist es, auf das sie so abfahren: Die kleinen Grübchen und der Dreitagebart. Eine Mischung aus schüchternem Gehabe und selbstsicheren, blauen Augen. Ich sehe nicht aus, als hätte ich die meiste Zeit meines Lebens in muffigen Dorfdiscos verbracht und darauf geachtet, dass man mich gerade wegen meines Gesichts nicht als metrosexuelles Weichei abstempelt.

„Ich hab schrecklichen Hunger. Hast du Lust, was essen zu gehen?“

Ihre langen Wimpern kommen auf mich zu und scheinen mich zu erdolchen. Ich wedele mit den Händen. Es muss aussehen, als hätte ich sie nicht alle.

„Ok“, sage ich schließlich, damit sich die Wimpern wieder einfahren.

Die frische Luft tut mir gut. Ich bin nun auch wieder fähig eine Zigarette zu rauchen, ohne sie mir am falschen Ende anzuzünden. Katrin kann kaum laufen und hakt sich bei mir ein. Vielleicht sind es die hohen Absätze, oder aber sie ist auch betrunken. Ich tippe jedoch darauf, dass sie das obligatorische Prozedere, bevor wir miteinander schlafen werden, einfach vorantreiben will.

Alberto stellt gerade die Stühle hoch, aber natürlich lässt er mich rein, schließlich bin ich sein bester Kunde. Eigentlich ist Alberto Kosovare, der sich über die Jahre einen italienischen Akzent antrainiert hat und sein Restaurant ist nichts weiter als ein kleiner Schnellimbiss mit ein paar lausigen Ikeatischen, weißen sterilen Kacheln und trockenem Neonlicht. Genau mein Ding. Ich bestelle für Katrin und mich zwei Gläser Roten, den billigen Hauswein, Spaghetti Bolognese und zum Nachtisch ein Tiramisu. Ich will nicht, dass Katrin die Speisekarte sieht, mit Currywurst und Schnitzel darauf, obwohl mir das sonst egal ist. Ich will, dass sie denkt, wir haben ein richtiges Date mit italienischem Essen in einem italienischen Restaurant. Denn irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass wir gerade mitten in einem Date sind und nicht zwei betrunkene Holzköpfe, die sich nach ein wenig Haschisch noch Nudeln reinziehen.

Sie verschlingt die Spaghetti, die ihr wie ein fransiger Vorhang vor dem Kinn baumeln und ich tupfe ihr Hackfleischsoße mit der Serviette von den Lippen.

Sie steckt sich den Dessertlöffel in den Mund, lässt ihr letztes Stück vom Tiramisu auf der Zunge tanzen. Den Löffel zieht sie langsam wieder heraus und leckt ihn dabei ganz sauber. „Hast du noch Lust auf ein Bier“, frage ich sie. Sie betrachtet den Löffel, der von ihrem Speichel getränkt und von ihren Lippen poliert milchig glänzt. Dann blickt sie mich an, sagt:

„Die schließen doch gleich“,

und steckt sich den Löffel in ihre Jackentasche. Verdammt, sie klaut ihn so elegant, als hätte sie das schon hundertmal gemacht, als sei es ganz normal. Dabei ist er doch nichts weiter als ein schäbiger alter Löffel, ohne Wert, aus Albertos madigem Besteckkasten, wobei Alberto nicht mal Italiener ist.

Wir gehen zu mir. Es sieht wüst aus, eigentlich hatte ich nicht vor, ein Mädel mitzubringen. Ich gebe ihr ein Bier und sie steckt sich eine Zigarette an. Es ist viel zu leise, die Stille wird sie dazu bewegen, sie irgendwie zu füllen. Wahrscheinlich werden wir anfangen, Gemeinsamkeiten abzustecken. Das wäre der erste Schritt und vielleicht würde ich sie dann sogar mögen, also beschließe ich, Musik aufzulegen.

„Ich liebe diese Band“, sagt sie.

Jaja, denke ich mir, bis sie anfängt mitzusingen. Sie steigt auf das Sofa und während sie kleine blaue Wolken gegen die Decke bläst, beginnt sie unglaublich erotisch zu tanzen. Sie reckt ihre Arme in die Höhe, kleine magere Arme und da wird mir klar, dass ich für diese Frau Löffel klauen werde.

Ich stelle es ziemlich ungeschickt an, was mich in die ein oder andere peinliche Situation bringt. Ich lade sie ins Theater ein, gehe mit ihr auf Vernissagen und Lesungen. Wir turteln durch die Altstadt, kaufen uns zusammen eine Kugel Eis und lecken abwechselnd daran. Wir lassen in einem Fotoautomaten kleine Schwarz-Weiß-Bildchen von uns knipsen, auf denen sich unsere Zungen verhaken und wir unglaublich verliebt aussehen; Fotos, die Mädels ihren Freundinnen zeigen, Männer jedoch nie ihren Kumpels.

Ich sammle die Löffel in einem Schuhkarton, lege die Bilder aus dem Fotoautomaten dazu und anderen Krams, der sich im Laufe unserer Beziehung ansammelt. Nie erfahre ich den Grund, warum sie Löffel mitgehen lässt, was unsere Beziehung geheimnisvoll und erotisch macht, und ich stelle Mutmaßungen an, ob es eine Art Kompensierung der Trennung ihrer Eltern ist, ein Anarchischer Akt oder ein Spleen mit einer Note Weltschmerz.

Irgendwann sitzt sie auf dem Bett, kerzengerade und das Mondlicht gleitet ihren Rücken hinab. Sie sagt dann irgendetwas von „Ich bin nicht der Typ für sowas“ und „Wir passen einfach nicht zusammen“. Dann klinke ich mich aus. Bei so einer Marienhof-Scheiße muss ich einfach abschalten.

Sie steigt vom Sofa und küsst mich mit ihrem Bier- und Zigarettenmund. „Es ist schon spät“, sage ich. „Du solltest jetzt gehen.“

[November 2010]

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