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landleben

Die digitale Bohème, die Provinz et moi

#provinz-apple

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Ein schlaksiger Typ mit MacBook, gehüllt in einen dezenten Ringelpullover auf Tisch elf. Ich denke an „oh là là“ und „très chic“, schreibe es auf, kreiere daraus eine Ideenwolke und kritzle sie in mein digitales Moleskine, beantworte eine Mail und twittere die Wolke. Der Geruch von Latte macchiato windet sich in meine Nasenlöcher und leckerer Mohnkuchen wird von einer jungen Frau mit fransigen Haaren und Segeltuchschuhen an mir vorbeigetragen. Der Hall ihres Ganges verschwimmt im Mischklang von Kaffeeschlürfen, Musik, die aus iPod-Ohrsteckern summt und Tastaturklackern.

Digitale Bohème nennt sich das Beschriebene, spätestens seit 2006 und „Wir nennen es Arbeit“ (Heyne) von Sascha Lobo und Holm Friebe. Alter Hut in 2011, denken Sie sich nun. Alles schon mal dagewesen. Was wäre aber, wenn ich Ihnen, werten Lesern, erzähle, dass ich nicht in einem Berliner Café sitze und der Kaffee gegen Bier und der Mohnkuchen gegen Schweinebraten getauscht werden muss, das Ringelshirt und die Sneakers zur bildlichen Vervollständigung gegen Dirndl und Haferlschuhe? Dann ist das immer noch digitale Bohème, würde aber hier keiner sagen. Hier. Auf dem Land. In der bayerischen Provinz.

 

Kräuter der Provinz

Ich weiß, was Sie jetzt denken: Was will die Tante aus dem Kaff uns erzählen über digitale Bohème und was sie vom Internet gelernt hat, wo sie wahrscheinlich noch nicht mal DSL besitzt? Schön, dass Sie fragen.

Alles fing damit an, dass ich zum Beginn meines Studiums 2006 in die Wirklichkeit der Generation Praktikum eintauchte. Genau zwei Praktika habe ich durchgestanden. Ich sträubte mich früh gegen das Pimpen des Lebenslaufs, gegen 9to5-Verhältnisse.

Ich begann zu schreiben, nicht bei der Lokalzeitung, sondern einem Online-Musikmagazin, konnte damit sogar Geld verdienen und besorgte mir eine Steuernummer. Da wusste ich noch nichts von digitaler Bohème, die Friebe und Lobo als Menschen definieren, die ein selbstbestimmtes Leben führen mit den „Segnungen der Technologie“ – kurz selbstständig, kreativ, digital. Meine kreative Arbeit war Brotjob, nichts weiter. Und wenn Sie nun glauben, der Drang nach selbstständiger freier Arbeit rührt von absinthgeschwängerten Studenten-Sit-ins, so täuschen Sie sich. Der Anstoß kam von daheim. Aus der Provinz.

 

Das „globale“ Dorf

In meinem Fall war es die Kleinkunstbühne um die Ecke, die vor 20 Jahren von München aufs Land gezogen ist – und die Künstler sind ihr treu geblieben. Bei Chili con Soja und Guiness wird nach den Konzerten mit Künstlern und Wirt zusammengesessen, gequatscht, zu Hause verlinkt man sich über Social Networks, hält den Kontakt. Der Wirt animierte mich zum Schreiben. Im Nachhinein würde ich ihn als den ersten digital bohemian bezeichnen, den ich in der Provinz kennenlernte. Er sitzt nicht mit MacBook im Kaffeehaus, auf dem Land spielt die digitale Bohème nach eigenen Regeln.

Die digitale Bohème ist nach Lobo und Friebe ein urbanes Phänomen, weil die Stadt aufgeschlossener gegenüber alternativen Lebensentwürfen sei. Das heißt eigentlich nur, dass es in den Städten leichter ist. Die digitale Bohème beschränkt sich nicht auf den urbanen Raum, wurde nur in ihm kreiert.

#provinzhoelle - nur weg?

#provinzhoelle - nur weg?

Sie hat sich zwar noch nicht wirklich auf dem Land niedergelassen, aber das muss sie auch nicht. Die Voraussetzung für die Entstehung einer Bohème im Allgemeinen ist auf dem Land nicht schlechter als in der Stadt. Nach Julius Bab, der 1904 die Beschaffenheit der Berliner Bohème kurz abriss, braucht es dafür nur einen „geistigen Anlass“ und die „materielle Notwendigkeit“. Für die digitale Bohème natürlich den Ausbau der Internet-Infrastruktur. Und dieser schreitet voran. Marshall McLuhans Begriff vom „globalen Dorf“ wird Realität.

 

Provinzhölle – natürlich!

Es ist gern die Rede von der „Provinzhölle“, der ländlichen Enge und da ist auch etwas dran. Diese subjektive Enge kann begünstigend wirken. Wer kreativ ist, sucht sich Schlupflöcher, schließt sich zu Kollektiven zusammen: Garagenbands, Künstlergruppen, die Raum zum Proben und Abhängen haben, denn die Mieten sind günstig. Sie sind wunderbar vernetzt, flexibel, anspruchsvoll, sie konsumieren, es entsteht ein Markt. So hat das Hamburger Label Audiolith mit seinen Künstlern Bratze, Frittenbude und Egotronic im März 2010 eine Promotiontour in die Provinz gestartet, nannte es „Dorfdisko Geiselfahrt“. Das teilweise mangelhafte Angebot an kulturellen Veranstaltungen ist das, was hier positiv wirkt. So sagte Audiolith-Gründer Lars Lewerenz der taz, dass man Kleinstädte noch unsicher machen könne. Anders als in Hamburg, München oder Berlin, wo das Publikum kulturell übersättigt sei. Das ist auch der Grund, warum selbstständige, kreative Arbeit auf dem Land funktionieren kann. Dank Internet und weil man hier nicht einer von vielen ist. Für mich ist es Freiheit 2.0. „Sie können das auch“, wäre noch ein schöner, schnulziger Schlusssatz; „Für mehr Bohème auf dem Land!“ eine schöne Parole.

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Über axtimwald

provinzblog die axt im wald ist kreativbüro und provinzblog in einem. wöchentlich berichten wir vom land; über kurioses, lustiges, traditionelles. dazu gehören auch kurzgeschichten und prosa. kreativbüro daneben bietet die axt im wald, musikwissenschaftlerin (M.A.), hilfe bei kreativem schreibkram, fertigt pressetexte und biographien für musik, kunst und kabarett, um Ihrem produkt die optimale werbung mit den richtigen worten zu verpassen. auf wunsch schicken wir Ihnen eine textprobe.

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