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kurzgeschichten

Fritz VIII – Guru

„Wo anders braucht`s das aber nicht abzuziehen“, schmatzte der Capo, der gerade dabei war eine Schweinshaxe mit Kartoffelsalat hinunterzuschlingen. Wie ein Schwein über dem Trog, hing er über dem Teller. „Ihr habt Glück, dass wir hier noch Spaß verstehen“. Mit dem Messer auf uns gerichtet, verlieh er seinen Worten Nachdruck und ich wusste sofort, was genau er mit „Spaß“ meinte. Ich schaute Fritz an mit meinem verdatterten Gesicht, das ich wahrscheinlich seit unserer Abreise übergestülpt hatte, ohne es zu merken. Fritz war die Ruhe selbst. Er schäkerte mit den Bedienungen, schnapselte mit den Thekenbrüdern und ließ mich ganz allein zwischen dem Capo und dem Laternenpinkler zurück. So eingepfercht lauschte ich also den Walgesängen, den unendlichen Weisheiten, die schmatzend vorgetragen wurden.

„Die meisten meinen ja, wir schieben hier den Mond noch mit der Stange vor, aber nene“, sprach’s schmatzend, schluckend, kauend. Der Capo schien mir ein Mann von Welt zu sein. Er erzählte mir sprichwörtlich die Story von der wilden Sau. Erklärte mir, wie man einen Eber richtig erlegt und ich musste wieder an den ungarischen Wirt denken. Blank polierte Abzeichen wurden chronologisch vorgezeigt und ich blickte mich sehnsüchtig nach Fritz um, der sich wieder hervorragend aus der Affäre gezogen hatte.

Ich sah ihn am anderen Ende des Saals in Mitten einer Runde von Frauen sitzen. Er wedelte mit irgendetwas Glänzendem in der Luft herum und funkelnd-staunende Frauenaugen blickten ihn mit der Tiefe eines seichten Rinnsals an. Die todlangweiligen Geschichten fesselten mich und als ich aufzustehen versuchte, wurde sogleich wieder angestoßen, mein Hosenboden zurück auf den Stuhl gedrückt. Kein Entkommen. Fritz derweilen vollführte guruartige Handbewegungen, zelebrierte schamanische Gebete und hüllte seine Glaubensgemeinde in süßlich duftende Redewolken. An meinem Tisch ging das Gespräch ohne Überleitung in säuische Anekdoten über, während Fritz nun die Aufmerksamkeit einer großen Blonden mehr und mehr für sich beanspruchte. Das glänzende Ding in seiner Hand schien eine Gabel zu sein, mit irgendetwas Rundem darauf. Achterbahnfahrten des dreizackigen Essbestecks mit tranceartig nachfolgenden blauen Blondinenaugen. Das musste ich mir ansehen.

Ich erwischte einen guten Moment, als der Capo Ehegeschichten auspackte, eine zielsichere Pointe landete und sich alles krümmte, vorbeugte und mit der Faust auf den Tisch schlug. Ich lachte, damit es nicht auffiel, dass ich vor hatte zu flüchten, deutete auf meinen Hosenlatz „ich muss mal“, als sie plötzlich misstrauisch wurden. Es war eine seltsame Stimmung am Tisch. Alles scharrte sich um Fritz und es war beinah kein Durchkommen. Ich drückte mich vorbei an offenen Mündern und vor dem Bauch verknoteten Armen, die wie Abwehrspeere auf mich gerichtet waren. Irgendwann schaffte ich es dann und stand genau hinter ihm, so nah, dass ich eine Mischung aus Minze, Schweiß und Bier in der Nase hatte: eindeutig Fritz‘ Parfumnote. Als ich endlich einen Blick auf das mysteriöse Etwas erhaschen konnte, traute ich meinen Augen nicht. Jetzt hatte er den Vogel endgültig abgeschossen.

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