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kurzgeschichten

Fritz IX – Keine Vögel auf dem Drahtseil

keine vögel auf dem drahtseil

Die Menge aus staunenden Statuen in krachlederner Tracht öffnete sich vor mir wie ein schwerer, samtener Vorhang. Sie schienen alle nicht bei Sinnen zu sein, glotzten, als hätten sie gerade etwas unglaubliches Gesehen. Und auch ich wollte es sehen. Neugierig streifte mein Blick die Menge, ging dann zu Fritz hinüber, der eine Gabel in der Hand hielt; fest und unnachgiebig.

Auf den Zinken der Gabel war etwas rundes, weißes und als er das Gerät unter der nikotin-gelben Wirtshauslampe schwenkte, sah ich, was es war – ein Forellenauge. Ich war fast enttäuscht nur ein stinkendes Fischauge vorzufinden. Die Zinken durch die Matte Pupille getrieben, präsentierte Fritz den Apfel im diffusen Wirtshausschein. Mir wurde übel, aber ich konnte nicht wegsehen. Da saß ein Mittvierziger, langzotteliger, wildfremder Typ mit biergeschwängertem Atem, Schweineresten zwischen den Zähnen, einem Schuh an den Füßen und hatte dieses blonde Mädchen so lange bequatscht, eingelullt und betört, bis sie tatsächlich die Gabel nahm und das Auge aß. Sie kaute so genüsslich und selbstsicher, dass mir Fritz richtig unheimlich wurde, als er sich umdrehte und den Daumen nach oben hielt: „Abenteuerhunger, Junge.“ Alle lachten sie, Schnäpse wurden gebracht – irgendetwas undefinierbares, als „edler Tropfen“ angepriesen und ganz sicher selbst gebrannt. Ich hatte so meine Erfahrungen mit solchem Fuselzeug. Als Jugendliche probierten wir es selbst, haben noch Witze gemacht über plötzlich eintretende Blindheit, Blödheit und Geschlechtskrankheiten, bis mir tatsächlich kotzübel wurde, dass die anderen Panik bekamen. Trotz besseren Wissens und trotz einem Kurzen Gedanken an eben diesen Abend, zögerte ich nicht, nahm ein Glas vom Tablett und kippte die Flüssigkeit, die ein wenig nach Brackwasser, Obstler und Putzmittel schmeckte in meine Kehle. Im Nachhinein kann ich es nur so erklären, dass ich euphorisiert war, oder dämlich. Beides, wie auch der Wahnsinn, liegt oft nah beieinander und plötzlich wurde es still.

Es ist plötzlich so still. Blätter rascheln im Wind und der Boden knackt; die kleinen Wurzeln, Geäst und trockener Staub. Die Nachmittagssonne bricht durch die Baumkronen und von irgendwo hinter einer Biegung höre ich ein Schnaufen, Schürfen und Klackern. In meinem Kopf dreht sich die Welt, Sterne schwirren umher, obwohl es noch Tag ist und in meinen Augenhöhlen breitet sich ein dumpfes Pochen aus, als würde meine Seele anklopfen.

Ich bin in einem Wald und es ist völlig unmöglich zu sagen, welcher Tag, wie spät oder gar welche Jahreszeit es ist. Aber ich kenne diesen Wald. Und ich kenne dieses Röcheln. Ich befinde mich mitten in der Geschichte, die ich zu Beginn ausgespart habe. Gehe Schritt für Schritt auf das Geräusch zu, wohl wissend, denn eigentlich ist der Ablauf Vergangenheit und wohl bekannt. Mein Magen fühlt sich mau an. So ist es immer, wenn ich melancholisch bin. Und das war ich ja damals auch. Unterwegs auf einen meiner melancholischen Waldspaziergänge, grübelnd, voll von Liebeskummer. Doch nun fühlt es sich anders an, denn ich kenne die Geschichte. Die Melancholie beflügelt mich, ich beginne zu laufen, laufe auf Fritz zu, der im Bachbett steht und darin schaufelt und gräbt in kurzen Hosen, ohne Oberbekleidung. Ausgerüstet mit Spitzhacke, Schubkarren und Sieb sucht er nach Gold oder seinem Verstand. Wahrscheinlich beidem. Ich habe ihn nie danach gefragt. Überhaupt haben wir uns nie besonders viele Fragen gestellt. Das Leben des anderen ist für jeden von uns ein Geheimnis. Als Fritz mich sieht, sagt er etwas, aber ich verstehe es nicht. Seine Silhouette ist verzerrt, die Sätze sind stumm. Ich weiß nicht mehr, was er damals gesagt hat, aber ich weiß, dass ich begeistert war. Dieser Typ fesselte mich, was in diesem Moment meines Lebens wahrscheinlich nicht besonders schwer war. Ich war am Ende, kaputt, selbstzerstörerisch und einsam.

Fritz hackt und gräbt und das Pochen hinter meinen Augäpfeln wird stärker, lauter. Ich höre jemanden rufen, eine fremde Stimme.

„Hallo, du?!“

Eine Stimme, von ganz weit weg. Ein Schütteln geht durch meinen Körper.

„Ist alles in Ordnung?“

Etwas Kaltes wird gegen meine Stirn gepresst und langsam dringt der Geruch von altem Holz und klebriger Süße in meine Nase. Dann öffne ich die Augen.

Da lag ich also wie ein Häufchen Elend. Ich sah es sofort an ihren Gesichtern, dass jeglicher Respekt verflogen war. Ich hatte ihm nicht standgehalten, dem Selbstgebrannten und hätte ich meine Situation erklärt, dass nicht der Alkohol, sondern irgendetwas anderes, mir die Augendeckel zugeschlagen hat, so wäre dies um so peinlicher für mich gewesen. Mühselig raffte ich mich auf und klopfte meine Hosen ab. Gleichzeitig suchte ich Fritz, zwickte die Augen zusammen, konnte ihn jedoch nicht entdecken. Der Capo bot an, mich nach draußen zu bringen. Er hatte wohl Angst, dass ich mich als Krönung noch übergeben würde, aber ich winkte ab, zündete mir im Hinausgehen eine Zigarette an und lehnte mich an die Hausmauer. Ich wartete eine Weile, ging dann hinüber zu unserer Bank, von der aus wir den Laternenpinkler beobachtet hatten. Es lässt sich schwer sagen, wie lange ich gewartet habe. Aber es wurde bereits hell. In immer kürzeren Abständen wankten sie aus der Bierhütte Richtung Wagen, Rasen oder Nirgendwo. Ich wartete, aber es beunruhigte mich keineswegs. Irgendwie hatte ich mit so einem klammheimlichen Abgang gerechnet, es von Fritz nicht anders erwartet. Er verschwand so einfach und plötzlich, wie er in meinem Leben aufgetaucht war. Ich war nicht in der Verfassung, mir darüber Gedanken zu machen, was diese Begegnung meinem Leben gebracht hat, ob es mich bereichert hat, oder zu einem bessern Menschen machen wird. Vielleicht war auch alles ein Traum, jedoch, der Bus, der schließlich vor meiner Nase stand und in den ich ohne zu zögern einstieg, der war Realität. Und das letzte, was ich von diesem Ort, von dem ich nicht einmal den Namen wusste – der mir im Nachhinein vorkommt, wie eine alte Schwarzweißfotografie -, sah, war ein Strommast, der mir im Gedächtnis blieb, weil kein einziger Vogel darauf saß. Das machte mich irgendwie stutzig.

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