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Wer zweimal mit derselben …

Woran erkennt man eigentlich, dass man spießig wird? Und muss das etwas schlechtes sein?

Natürlich gibt es sie noch, vor allem auf dem Land. Die mit Nagelschere geschnittenen Vorgärten, in denen vermeintlich lustige Gartenzwerge wachen, die Auto fahrenden Opis mit Kopfbedeckung und Klopapier-Häkel-Mäntelchen auf der Hutablage, die Männer, die jeden Samstagvormittag ihre Autos waschen und blank polieren und diese, die regelmäßig ihre H-Pflaster-Einfahrt kärchern.

Aber sind das Spießer? Oder ist man selbst einer, bei dem Versuch, sich abzugrenzen?

Jeder kann Spießer werden, bzw. wird es notgedrungen. Ich merke, wie es bei mir langsam einsetzt, auch wenn ich versuche, mich dagegen zu wehren. Gestern, bei Ikea. Gutes Beispiel. Wenn man anfängt, Geld für chemisch-riechende Duftkerzen auszugeben, die allein für das Fensterbrett, und nicht zum Anzünden gedacht sind, und dazu anderen Nippes bewusst kauft, wie etwa ein taubengraues Plastiksystem zur Trennung der Recyclingabfälle, dann ist es soweit. Und als ich bei der Serviceausgabe auf Couchbezug „Ektorp Idemo rot“ wartete und Harry Rowohlt (zumindest sah er ihm total ähnlich) mit einem Hubwagen mir das kleine Packet vorbeifuhr, da wurde es mir klar.

Schlagartig traf es mich und ich dachte mir erst mal nur: Scheiße.

Dann dachte ich mir: Wo zum Teufel sind die Zeiten geblieben? Die Zeiten ohne Ektorp Idemo rot? Die Zeiten, wo es einem wurscht war, dass die Bierflaschen von der Silvesterparty im März noch rumstehen, die beste Freundin ohne Gezeter auf das eigene Bettzeug kotzen durfte, und man die Klamotten nicht zu einem Stapel gefalteter Vierecke drapierte, sondern wild und verknittert in Truhen aufbewahrte? Halleluja.

Studentenzeit, ja, das war sie. Aber gibt es nicht etwas von dieser unbekümmerten Jugendlichkeit, das bleibt? An was kann man sich heute noch halten, ohne Spontis und ohne wirkliche Definition von „Spießigkeit“, um dem zu entgehen?

Ich habe jetzt angefangen, meine Zigaretten zu drehen. Am besten mit „Natural American Spirit“, da wirkt man gleich etwas alternativer. Um jugendlich-verplant zu wirken, eignet sich eine große, schwarze Nerdbrille mit lockerem Zopf, wo fransige Strähnen raushängen. Natürlich muss jeglicher Ordnungsdrang unterdrückt werden und kauft man Duftkerzen, dann nur, um die eigene Individualität auszudrücken (also am besten selber machen). Außerdem: keine Bücher lesen, die auf der Bestsellerliste stehen (zudem sind die meisten eh Müll oder Krimis, ist aber oft dasselbe), keine Musik hören, die in den Charts oder im Radio läuft (und auf keinen Fall Klassik!). Dazu Alkohol trinken, um des Alkohols Willen (also wegen ‘nem Rausch). Billigen Fusel, keine vollmundigen Rotweine, die das erst erworbene „Genießer-Lexikon“ empfohlen hat. Einfach mal wieder trinken, und nicht nur beim Essen gehen, wobei dies auch möglichst unterlassen werden sollte, wenn das „Essengehen“ als Synonym für „Weggehen“ steht.

Mit diesen Dingen werde ich nun der eigenen Spießigkeit entgegenwirken, was nicht immer funktioniert. Ich halte mir immer noch bei zu lauter Musik die Ohren zu oder nörgle einfach. Auch das mit den Schuhen, sie paarweise 90 Grad zur Wand hinzustellen, kann ich einfach nicht lassen.

Tipps, nicht spießig zu werden?

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