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kurzgeschichten

Schnee

Die Gummibänder reiben an der Haut. Sie ist davon schon ganz rot und wund. Lucas Kopf ist zu groß. Das weiße Textil wölbt sich über der krummen Nase, lässt sie nicht atmen und die Bänder schneiden kontinuierlich, wie ein feines Messer, oberhalb der krummen Ohrmuschel.

Luca zupft und ziept, rollt das Gummi um ihren Zeigefinger, mit der anderen Hand hält sie sich Nase und Mund zu. Dann lässt sie die Bänder wieder über ihre Ohren schnalzen und geht weiter. Sie geht an den Schaufenstern vorbei, die bunt geschmückt sind. Tannenbäume, rotes Lametta, eine Eisenbahn und weiße Styroporkügelchen, die zu einer Winterlandschaft drapiert wurden.

Luca trägt ein Sweatshirt. Es hat neunzehn Grad. Die Sonne ist irgendwo hinter einer dicken, diesigen Puderschicht versteckt. Vom Himmel fallen graue Staubflocken. Sie legen sich auf Lucas Schultern, wie Schnee. Luca hat schon lange keinen richtigen Schnee mehr gesehen. Die großen Bildschirme an den Häuserfassaden flimmern, Reklame tanzt auf dem Mauerwerk. Sie ist bunt und schön. Niemand trägt einen weißen Vorhang vor Nase und Mund. Die Luft darin scheint voll zu sein von sprudelnden Blubberbläschen und nach Zitronengras und Limone zu duften. Auf der Straße riecht die Luft nach Schweiß, Teer und künstlichen Aromen, die aus den Geschäften strömen und sich draußen mit Staub und einem milchigem Film vermischen. Luca seufzt, denkt an Schnee und Ben und cremigen Honig und versucht nicht zu tief einzuatmen. Die schweren Plastiktüten drücken ihre langen Arme nach unten und formen pochende Schlieren in den Handinnenflächen. Aus den Laternenlautsprechern dröhnt eine Computerstimmte, rhythmisch und steril, dann wieder dezente Weihnachtsmusik; auch rhythmisch und steril. Es ist grün. Die Menschen queren die Straße mit gesenktem Kopf, als würden sie den Teer rasieren, gehen mit festem Schritt und sind doch so zart. Die Kameras, die unter den Lautsprechern angebracht sind, surren und bewegen sich wie kreisende Augäpfel mit Luca über die Straße. Luca blickt auf die wartenden Wagen. Es ist immer dasselbe Bild: klopfende Finger auf Lenkrädern, keine Zeit. Benzin ist teuer, fast rar, die Fahrerlaubnis begrenzt.

Die Schlange im Supermarkt staut sich bis zur Straße, die vor dem Bäcker noch weiter. Weizen ist wieder billiger geworden. Die Brände im Osten schwächen leicht ab, es hatte dort 10 Minuten geregnet.

Eine dicke Frau drängelt sich vor Luca. In ihren fleischigen Fingern liegt ein langer Einkaufszettel, zerknüllt und gequetscht. Ein Junge mit verkrümmten Händen zupft an ihrem Rockzipfel. Der Reaktorunfall, denkt Luca. Die parfümierten Dämpfe, die aus den automatischen Berieselungsanlagen mit angereichertem Sauerstoff strömen und schwer in der schwülen Luft hängen beginnen Luca die Kehle zu zu schnüren, ganz langsam, wie ein Korsett, das sich um den Hals legt und die Schnüre Stück für Stück nach oben hin zusammen zieht. Ihre Augen tränen. Luca greift in die Tasche. Gegen die Allergien hat sie immer etwas mit.

Der Fisch ist teurer, als gedacht. Klein und fleckig liegen die matt beschuppten Tiere auf künstlichem Eis. Die Augen sind rot, ganz glasig. Aber immer noch besser als das Petri-Fleisch, das überhaupt nicht nach Fleisch schmeckt, auch wenn sich Luca nicht mehr wirklich erinnern kann, wie Fleisch eigentlich schmecken soll.

Sie ist an der Reihe. Eine abgemagerte junge Blonde begutachtet Lucas Registrierkarte. Luca deutet stumm auf den Fisch. Sie lächelt ein wenig, vielleicht würde die Blonde dann einen etwas hübscheren Fisch aussuchen.

Es gibt nur noch wenig Gemüse. Luca schlendert an den Kartoffeln vorbei, streicht über die polierte Schale von blutroten Tomaten, die nach Wasser schmecken und künstlichem Tomatenaroma. An einem Salatkopf klebt noch Erde und Luca denkt an ihre Mutter, die im Gemüsegarten steht und die Endivienpflänzchen in kleine Kuhlen setzt und festdrückt, während Luca in ihrem Lieblingskleid und Windeln unsicher über den grünen Rasen wackelt. Den Garten gibt es nicht mehr. Luca hat am Fensterbrett in ihrer Wohnung einen Kasten mit Kräutern und etwas Gemüse, obwohl es verboten ist; zu gefährlich. Die Erde sei nicht sicher. Ben hat den Kasten in Lucas Wohnung geschmuggelt. Die Erde haben Freunde aus Südamerika geschickt. Luca weiß nicht, was in der Erde ist, ob sie frei ist von Strahlen.

Die Luftkammern sind verstopft und Luca drückt an ihnen herum, die Bänder kratzen unerträglich. Ben würde, wenn er hier wäre, mit seinen Fingern über die Bänder fahren, Luca die Maske abnehmen und ihr seine geben, während er schutzlos im Smog atmen würde. Er würde die Bänder dehnen, die Luftkammern frei pusten von Staub und Dreck. Dann würde er die Maske wieder über ihr Gesicht legen, als wäre sie ein leichter Schleier aus Seide und Luca einen Kuss auf die Stirn geben.

In Lucas Mund breitet sich der Geschmack von Eisen und Blut aus. Sie versucht an den Geschmack von Honig zu denken. Er kann das Blut nicht vertreiben. Luca hat vergessen, wie Honig schmeckt. Luca beginnt traurig zu werden.

Aus den Lautsprechern hämmert leise ein Glockenspiel, Frank Sinatra sing dazu Jingle Bells. Die Gehsteige leeren sich. Der große Weihnachtsbaum auf dem Platz leuchtet, Kinder stehen davor und lachen. Luca meint es an den Falten ihrer Masken erkennen zu können. Früher wollte Luca auch Kinder haben. Sie hat mit Ben oft darüber gesprochen und er war dagegen. In so einer Welt ist kein Platz für Kinder, hatte er immer gesagt. Als Luca ein Kind war, gab es noch viel Platz, grübelt sie. Auf saftigen Feldern, auf verwinkelten Bäumen, in kleinen Ententeichen. Wie oft war Luca auf den Kirschbaum im Garten geklettert und hatte die Vögel über den Teich getrieben.

Noch 30 Minuten bis zur Sperrstunde, hallt es durch die Lausprecher. Luca löst sich von ihren Gedanken und geht weiter. Sie klopft ihre Schuhe mit kleinen Hüpfern vom grauen Sand frei. Er rieselt auf den grauen Asphalt, der Wind trägt ihn weiter.

Der Sand sieht aus wie Pfeffer, der langsam auf einen duftenden Braten fällt. Ben dreht die Mühle, Luca deckt mit einer bunten Schürze den runden Küchentisch, der nicht größer ist, als ein aufgespannter Regenschirm. Ben lächelt, küsst Luca und streicht ihr eine Haarsträhne aus dem unmaskierten Gesicht. Dann öffnet er den Wein und zündet die Kerzen an. Luca schichtet die Geschenke unter den Baum und legt Weihnachtsmusik ein. Ben isst ruhig, schlingt nicht, betrachtet Luca. Ihre Schürze ist mit Flecken besetzt; von der Schokoladensoße, dem Kloßteig. Nach dem Essen stehen sie vor dem Fenster und sehen hinaus auf die Welt, auf die der Schnee fällt, als wolle die Natur sie zum Schweigen bringen, um Ruhe bitten und sie mit einer weißen Puderzuckerschicht konservieren.

Es schneit, denkt Luca und blickt in den Himmel hinauf. Sie kneift die Lider faltig zusammen und formt die Hände zu einem Augendach. Die Luft knistert und glitzert. Luca hat den Geruch in der Nase. Es wird kalt. Flocken fallen auf den Boden, spitze Kristalle. Sie verfangen sich in Lucas Haaren, legen sich auf ihre Bänder, die nun nicht mehr so ziepen. Luca breitet die Arme aus. Flocken fallen auf die Handinnenflächen, ziehen Kreise und werden dann von der Wärme des pochenden Blutes in Lucas Adern geschmolzen. Wenn Ben das sehen könnte.

Noch zehn Minuten bis zur Sperrstunde, dröhnt die Computerstimme, Fröhliche Weihnachten und ein gutes neues Jahr.

Luca sieht den Schnee nicht mehr. Es war eine Täuschung. Die Fenster haben das Licht gebrochen und den Staub funkelnd weiß gefärbt.

[es ist traurig, aber bereits am 11.12.2010 geschrieben]

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