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Fritz VII – Schützenfest

Ich hätte das Gesicht dieser Gesellschaft gerne gesehen, als Fritz mit dem Zigarettenstummel im Mund und der Wumme im Anschlag durch die Stubentür stürmte. Aber ich war völlig verdaddert, als Fritz dieses Ding aus dem Wagen zog, kurz hämisch grinste und dem Fiestabesitzer hinterherrannte. Ich weiß nicht, wie lange ich noch auf der Bank saß, Fritz hinterherschielte, sogar kurz lächelte, bis ich begriff, was los war. Als ich ein paar Sekunden danach durch die Tür kam, lagen sie alle vor Schreck auf dem Boden. Die Kellnerinnen hatten ihre Tablette nach hinten geschmissen, Bierkrüge rollten über den morschen Bretterboden und die Tanzband – von der nur noch das Trillionenecho des Keyboards nachhallte (sie hatten wohl gerade „Jump“ von Van Halen angestimmt) – verschanzte sich mit ihren rosa glitzernden Sakkos und den weißen Hosen  hinter dem Bassisten. Er schien wohl, sollte es hart auf hart kommen, der am ehesten zu entbehrende Mann sein.

„Keine Panik Leute, das war nur ein Witz“, versuchte ich die gefüllten Lederhosen zu beruhigen und erblickte den Laternenpinkler, dem Fritz im Verlauf des Abends nur noch „Urinella“ hinterherschreien sollte, weil er sich trotz kürzlicher Entleerung wohl vor Schreck ins Hemd gemacht hatte. Schließlich kam ein untersetzter, dickbäuchiger Mann auf uns zu. Er hatte sich in die hinterste Ecke des Tresens verkrochen. Nun zog er etwas beschämt die Lederkluft zurecht und machte deeskalierende Handbewegungen. Es musste der Capo sein. Ein dunkelbrauner Wollbart zierte sein Schnapsgesicht, hing vor seiner Fressluke wie ein altes, vergilbtes Fliegennetz. Langsam und unsicher tastete er sich an Fritz heran. Dieser verzog keine Miene und blies den blauen Rauch seiner Zigarette ein und durch einen kleinen Spalt der Mundwinkel, wie ein Seemann, wieder hinaus.

Der Capo nahm das Gerät und lud einmal durch, dann richtete er den Lauf nach oben und drückte ab. Klack. „Sie ist nicht geladen“, rief er und fing an zu lachen. Lauthals brach die Menge in alkoholgefülltes Gelächter aus. Auch ich begann zu lachen, aus Erleichterung, dass sie uns wohl nicht lynchen würden und der Capo nicht in die Decke geschossen hatte. Das, was dann passierte, würde in Kinofilmen entweder in Slow-Motion passieren oder in einer Bud-Spencer-artigen Prügelei ausarten. Fritz kümmerte es nicht. Er stand da wie angewurzelt, als sich das Grinsen des Capos plötzlich verabschiedete, ein lauter Pfiff durch seine Kiemen rasselte und diese Horde aus Wilden uns einkreiste. Im Kinofilm würde es wahrscheinlich ein Happy End für die Protagonisten geben. Bei unserer Situation war ich mir da nicht so sicher.

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