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kurzgeschichten

Fritz V – Bier mit Minze

Eine ganze Familie in feierlichem Gewand stand vor uns und schaute mit zementierten Gesichtern, während ich – ich versuchte verzweifelt es irgendwie zu überspielen, unsichtbar zu machen – meine Hand aus Firtz` Hose zog. Gebürstet und gestriegelt, blitzblank herausgeputzt, ein Säugling in weiß – die Sache war eindeutig.

Fritz hatte es sicherlich gewusst, dass diese Ungarn für Taufen gern früh aufstehen. Irgendeine Verbindung musste er doch zu diesen Leuten haben, wenn er ihr Kind taufen sollte. Ich packte Fritz und schleuderte ihm hinter dem Tresen kaltes Leitungswasser ins Gesicht. Der Wirt erwachte: „Mégy egy stört?“. „Nein, kein sört mehr“, sagte ich und machte eine bürstende Handbewegung. Der Wirt brachte uns Kamm, Waschzeug und etwas Mundwasser. Obwohl wir nun nach Minze rochen, konnte man Fritz noch auf 50 Meter Entfernung riechen. Mir ging es nicht besser.

Wir setzten uns ins Auto, um zur Kirche zu fahren. Sie lag in einer Senke und von der Straße aus konnten wir die vielen Wagen sehen, die schon ungeduldig auf uns warteten. Plötzlich sprang Fritz auf und schubste mich. Ich sollte auf den Beifahrersitz wechseln. Mir war eh schon alles egal. Nur mit einem Schuh – ich habe ihn vorhin von einem Ziergeweih, das an der Wand hing, losgeknotet, der andere war nicht mehr auffindbar – stürzte er sich vor das Lenkrad. Er tat einen lauten Schrei und grölte etwas von wegen: „Und jetzt holen wir auf!“. Er lenkte den Wagen von der Straße und beschloss eine Abkürzung über die Wiese zu nehmen. Ich hätte sterben können, wenn es mich in meiner alkoholischen Euphorie nicht so belustigt hätte. Wir schleuderten über das taunasse Gras, bremsten unmittelbar vor der Kirche den Wagen gerade noch mit einem beherzten Griff meinerseits zur Handbremse ab und wurden von verstört dreinblickenden Menschen in feierlicher Kirchenrobe begrüßt. Die Deutschen sind da. Zumindest kannte uns nun jeder.

Noch bevor wir aus dem Auto polterten, standen bereits alle um den kirchlichen Altar versammelt. Als Fritz dann das Kind taufen sollte, machte der Pfarrer Mätzchen, es ihm zu geben. Er schien genau zu wissen, warum, denn er hatte eine Nase und darüber zwei Augen im Kopf. Doch Fritz tippte dem Pfarrer auf die Schulter, sagte viel zu laut „HE!“, riss ihm das Kind aus den Armen und hielt es schwankend über das Taufbecken.

Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam. Jedoch war auch ich am Schluss Pate und das Ganze endete in einem rauschenden Fest, das die ganze Nacht dauerte und wahrscheinlich noch viel länger. Ich glaube mich zu erinnern, dass selbst der Pfarrer mehr Kurze hinunterkippte, als Fritz und ich zusammen. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch den Wagen verlegt.

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