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landleben

Momentensammlerin

Maike holt mich mit ihrem großen Wanderrucksack direkt vor dem Büro des Professors ab. „Wie war’s“, fragt sie und „Naja, ich würd mich durchfallen lassen“, sage ich resigniert. Wir diskutieren, ich werde wieder hineingerufen. „Bestanden“, strahle ich. Dann verdrängen wir die Uni. Ihr Semester ist schon lang rum und bei mir wird kein’s mehr folgen, was ich in dem Moment natürlich überhaupt nicht begreife.

Jetzt erst mal ab in den Urlaub, ab zum Bahnhof. Ich gehe kurz bei Burger King auf’s Klo, habe kein Kleingeld mit und tue so, als würde ich telefonieren, als mir eine Dunkelhaarige „He, hallo Sie da“, nachruft.

Drei Stunden Fahrt, dann folgen drei Tage Kurzurlaub in den Bergen und fast ununterbrochenes Hinstellen, Knien, Lächeln, Arme ausbreiten. Denn das hatte ich ganz vergessen: Maike ist eine Momentensammlerin. Die Digicam immer im Dauereinsatz. Das war schon in der Schule so. Es gibt unzählige Alben, ganz klassisch analog, mit eingeklebten Fotos und Bildunterschriften. Erst an Weihnachten haben wir sie uns wieder zu Gemüte geführt, höhnisch einander ausgelacht, uns geschämt und geprustet.

Ganz schön anstrengend diese Fotostops. Dort stehen wir vor’m Watzmann, da blicken wir auf Berchtesgaden und auf dem sehen wir einfach nur in die Kamera, aber bitte immer schön freundlich. Nach einem anstrengendem Tag und Stunden vor dem Grill, schaufeln wir Essen in uns hinein, um uns dazwischen mit vollen Bäuchen und Ketchup verschmierten Mündern gequält zu einem „Gruppenfoto mit Gegrilltem“ zu postieren. Eines Morgens knipst Maike mich sogar beim Aufwachen und ich verfluche die digitale Revolution mit ihren fototechnischen Errungenschaften. Ich wollte mich doch erholen!

Eine Woche später.

Wir sitzen in einem Café, Maike ist vor unserem Treffen schnell zu Rossmann gedüst, um die Bilder auszudrucken. Ich begutachte sie, erwarte das Schlimmste. Eigentlich wirken sie gar nicht gestellt, ganz hübsch, denke ich und erinnere mich wieder an Weihnachten, als ich nach Jahren ein Foto von unserer Abifeier, der Zeugnisübergabe und dem Abschlussball in der Hand hielt. Ich selbst habe natürlich von all dem keine Fotos gemacht, denn ich fand das uncool. Wären alle Menschen so wie ich, gäb es keine Erinnerungen, die man mit anderen teilen kann. Aber zum Glück gibt es in beinahe jedem Freundeskreis einen Momentensammler oder eine Momentensammlerin so wie Maike. Nur schade, dass sie mich nicht zu einem „Ich-bin-fertig-mit-der-Uni-Bild“ nach meiner Prüfung gezwungen hat.

Über axtimwald

provinzblog die axt im wald ist kreativbüro und provinzblog in einem. wöchentlich berichten wir vom land; über kurioses, lustiges, traditionelles. dazu gehören auch kurzgeschichten und prosa. kreativbüro daneben bietet die axt im wald, musikwissenschaftlerin (M.A.), hilfe bei kreativem schreibkram, fertigt pressetexte und biographien für musik, kunst und kabarett, um Ihrem produkt die optimale werbung mit den richtigen worten zu verpassen. auf wunsch schicken wir Ihnen eine textprobe.

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