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		<title>Klatschmohn und Stella</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Nov 2011 10:56:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Meine Füße baumeln und der Wind fährt mir unter das Kleid. Wir sind die einzigen, die am Bushäuschen warten. Es fängt gerade erst an, richtig Tag zu werden. Ein paar bunte Ranzen hüpfen vorbei. Mutter sagt, ich werde auf eine tolle Schule gehen und die Sonne malt ihr dabei einen Schmetterlingsschatten unter ihre Nasenflügel. &#160; [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=749&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_750" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/11/dsc_0398a.jpg"><img class="size-medium wp-image-750" title="Klatschmohn und Stella" src="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/11/dsc_0398a.jpg?w=300&#038;h=116" alt="" width="300" height="116" /></a><p class="wp-caption-text">Klatschmohn und Stella</p></div>
<p>Meine Füße baumeln und der Wind fährt mir unter das Kleid. Wir sind die einzigen, die am Bushäuschen warten. Es fängt gerade erst an, richtig Tag zu werden. Ein paar bunte Ranzen hüpfen vorbei. Mutter sagt, ich werde auf eine tolle Schule gehen und die Sonne malt ihr dabei einen Schmetterlingsschatten unter ihre Nasenflügel.<span id="more-749"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Als wir klein waren, sind wir barfuß raus aufs Feld gerannt und haben Klatschmohn gepflückt. Das war unser Strauß Neurosen, obwohl wir keine Ahnung hatten, dass Neurosen keine Blumen sind. Vater hat immer zu Mutter gesagt, sie habe Neurosen. Dann hat Mutter geweint. Mutter hat viel geweint. Vor Glück, vor Schmerz, weil Großmutter die Kätzchen erschlagen hat, einfach immer.</p>
<p>Großmutter konnte die Mutter noch nie gut leiden. Sie sei nicht patent genug, hat sie immer gesagt, habe zu dürre Arme, um am Hof anständig mit anzupacken. Außerdem habe sie nur Flausen im Kopf, weil sie ein Stadtkind sei. Stadtkinder taugen nichts fürs Land. Als die Großmutter sehr krank wurde und nicht mehr aufstehen konnte, hat Mutter sie gepflegt. Sie hat die Großmutter gefüttert, aber die hat das Essen regelmäßig ausgespuckt und den Nachttopf umgestoßen. Immerzu stank es aus ihrer Kammer nach Kot und Urin. Sterben wolle sie, hat sie geschrien, endlich verrecken, um die Mutter nicht mehr sehen zu müssen. Als die Großmutter dann gestorben ist, hat die Mutter auch geweint.</p>
<p>Ich kann mich an den Sommer erinnern, als Tante Gitti uns besuchte. Es war der heißeste Sommer seit Jahren und Stella und ich liefen den ganzen lieben Tag nur mit einem Höschen bekleidet herum, saßen im Grand vor dem Haus und spritzten uns mit Wasser ab. Gitti brachte immer Süßes mit und hübsche Kleider aus der Stadt. Für Stella hatte sie dieses Mal einen Büstenhalter dabei.</p>
<p>Tante Gitti hat keine Kinder. Der Vater meinte, weil sie sich zu sehr wie ein Mann benimmt, immer diese Cordhosen trägt und einen wilden Bubikopf hat. „Die Mädchen sollen Abitur machen“, sagte sie, „und ein Instrument lernen.“ Ein paar Wochen nach Tante Gittis Besuch kam ein Laster auf den Hof gefahren. Vater war auf dem Feld, und als wir von der Schule nach Hause durch die Tür stürmten, stand ein schönes, altes Klavier in der Wohnstube neben dem Kachelofen. Es sei zwar alt und müsse gestimmt werden, aber es würde schon gehen, schrieb Tante Gitti. Rubinroter Samt lag auf den schneeweißen Tasten. Ich hatte noch nie ein so schönes Rot gesehen. Stella und ich stritten uns, wer zuerst darauf spielen durfte. Schließlich einigten wir uns, dass Stella, weil sie die ältere war, auf die weißen und ich auf die schwarzen Tasten schlage. Ein kleines Notenheft von Anna Magdalena Bach stand ausgebreitet auf dem Klavier und Mutter spielte uns schöne Melodien vor. Ich wusste nicht, dass Mutter Klavier spielen konnte.</p>
<p>Am Abend gab es Vaters Lieblingsessen. Das Klavier durfte aber trotzdem nicht hier bleiben. „Raus muss es, aber schnell“, schimpfte er. „Wenn die Mädchen schon aufs Gymnasium sollen, dann sollen sie nicht mit so unnützem Geklimper vom Lernen abgehalten werden.“ Gut, dass das Klavier Rollen hatte. Mutter schob es ganz allein hinaus in den Garten unter das Vordach und pflanzte Primeln hinein, was den Vater wütend machte, aber sagen konnte er nichts, denn es hat ja nur hinaus müssen.</p>
<p>Aufs Gymnasium schaffte es nur Stella, ich nicht. „Selbst schuld“, sagte der Vater. Wenn ich doch nur nicht so ein Hans Guck-in-die-Luft wäre. Stella musste nun eine Stunde früher weg, weil sie mit einem anderen Bus fuhr. Sie kam erst spät und durfte im Zimmer nicht beim Lernen gestört werden. Von da an ging ich oft allein hinaus, legte mich ins Feld zwischen den Klatschmohn und wartete auf den Regen. Früher war es ein Spiel, und wem der erste Tropfen auf den Mund fiel, der hatte gewonnen.</p>
<p>Vater und Mutter stritten nun immer häufiger. Die Schule sei zu teuer, sagte er und Mutter saß dauernd im Garten neben dem Klavier und schrieb Briefe an Tante Gitti, die heimlich Geld schickte. Als Mutter einmal nach drinnen ging, um die Erdäpfel vom Herd zu nehmen, habe ich aus ihrer Schatulle einen der Briefe genommen und ihn im Feld gelesen. Tante Gitti schrieb etwas von Scheidung, und dass das heute nicht mehr so schlimm sei. Die Mutter und wir könnten bei der Tante wohnen, übergangsweise, und für Stella und mich gäbe es tolle Schulen. Die Mutter könne in der Fabrik arbeiten.</p>
<p>Als wir zu Bett gingen, habe ich Stella gefragt, was das sei, Scheidung. Sie bürstete gerade ihr Haar, das so schön blond schimmerte. Meins war mittlerweile nur noch aschblond. „Wieso fragst du das“, sagte sie und ich betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Es war ein schönes Gesicht, mit vollen Lippen und großen, grünen Augen. „Nur so“, entgegnete ich. Wir kuschelten uns in Stellas Bett und ich umschlang ihre Füße mit meinen. Ihre Waden waren mit weichen Härchen besetzt. Sie hielt mich ganz fest und drückte mich an sich. Ich spürte die Polster ihres Büstenhalters. Warum die Eltern immer so streiten müssen, habe ich sie gefragt und Stella sagte: „Das ist halt so. Man verletzt <em>die</em> Menschen, die man am meisten liebt.“</p>
<p>Dann kam die Zeit, als Stella überhaupt nicht mehr mit hinaus aufs Feld kam. Ich solle endlich erwachsen werden, schrie sie mich an, als ich vor ihr auf dem Kammerboden saß, mich an ihre Beine klammerte und weinte. Sie ging trotzdem und kam erst spät am Abend zurück. Ich bin aufgeblieben und habe sie vom Kammerfenster aus beobachtet. Stella torkelte, lachte, als der Vater ihr eine Ohrfeige gab, und spuckte vor ihm auf den Boden. Dann hat Vater Stella gepackt und schubste Mutter beiseite, als sie dazwischen gehen wollte, doch Stella lachte nur. Sie lachte, so wie Großmutter ab und zu plötzlich zu lachen begonnen hatte, als sie schon sehr krank war und kurz bevor der Herrgott sie zu sich geholt hat. So habe ich Stella noch nie gesehen. Ich fühlte mich komisch, so als wüsste ich nicht das Geringste über sie, obwohl ich sie schon mein ganzes Leben lang kenne. Das da unten ist nicht meine Schwester, dachte ich, sie ist eine Fremde.</p>
<p>Als Stella in die Kammer kam, tat ich so, als würde ich schlafen. Ich lag mit dem Rücken zu ihr, während sie den Koffer aus dem Schrank nahm und ihn hastig mit Kleidung füllte. Sie setzte sich ans Bett und strich mir über das Haar, atmete schwer und schluchzte. Dann gab sie mir einen Kuss und war weg.</p>
<p>Stella schrieb oft, alle Briefe waren an mich adressiert. Das schmerzte die Mutter, den Vater schien es nicht zu kümmern. Sie erzählte von den Farben in der Stadt, dass ich mir gar nicht ausmalen könne, wie bunt und exzentrisch die Kleidung der Frauen sei, dass sie sehnsüchtig auf Nachricht von mir warte und ich sie bei der Tante bald besuchen soll. Ich schrieb, der Klatschmohn habe seine Farbe verloren, seitdem sie weg ist.</p>
<p>Ich musste nun öfter auf dem Hof helfen, weil die Mutter immerzu im Garten saß und rauchte. Sie starrte auf das Klavier, und wenn ich vor ihr stand, schien sie durch mich hindurchzusehen. Ihr Gesicht war fahl geworden, obwohl sie den ganzen Tag in der Sonne saß und Briefe schrieb. Der Vater war abends immer lange fort, und wenn er spät in der Nacht mit dem Rad auf den Hof fuhr, hörte man Gebrüll und Getrampel. Einmal sah ich ihn, wie er mit dem Drahtesel gerade auf den Misthaufen zufuhr und schließlich vom Rad fiel. Geflucht hat er und Mutter ist in meine Kammer gekommen, hat die Tür von innen verriegelt und sich zu mir ins Bett gelegt. Sie hielt mir die Ohren zu und summte das Lied von Anna Magdalena Bach, damit ich den Krach nicht höre.</p>
<p>Als Mutter mich eines Abends weckte und mir den Zeigefinger gegen die Lippen drückte, dachte ich mir nichts weiter. Ich packte meinen kleinen Koffer, der immerzu bereit unter dem Bett lag, und wir gingen ins Dorf zur Anne, einer Tante vom Vater. Dort bekam ich heiße Milch und schlief in Mutters Armen auf der Küchenbank ein, bis der Vater in der Früh auf dem Hof stand, mit großen Augen, die Mütze in der Hand, und die Mutter anflehte, wieder zurückzukommen. Schließlich sind wir den weiten Weg wieder heimgelaufen, ich habe meine Kleider wieder in den Schrank geräumt und den Koffer unter dem Bett verstaut.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nun ziehen die Felder vorbei und der Mohn biegt sich im Wind. Ich sehe Stella und mich darin liegen, wie wir mit den Zehen die Blütenkelche pflücken und sie uns ins Haar flechten. Mutter sieht starr nach vorne und ihre Brüste hüpfen vom Poltern der Räder auf und ab. Sie trägt ihr bestes Kleid, das mit den weißen Punkten. Mit ihren Händen hält sie den Koffer fest auf ihrem Schoß. Ich wollte Stella einen Strauß Klatschmohn pflücken, doch Mutter sagte, er würde welk auf der langen Fahrt. Wie weit es denn sei, fragte ich sie und Mutter sagte nur: „Sehr weit.“</p>
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		<title>Lisboa</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Oct 2011 14:30:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Peter sagt, ihm tuen die Füße weh, geht hinüber und setzt sich auf eine Bank. Dann holt er seine Kladde aus der Fototasche, betupft die Miene seines Bleistifts mit etwas Speichel und beginnt zu schreiben. Peter hat die Fototasche getragen. Den ganzen Tag. Es war heiß und der Gurt hat tiefe Kerben in seine Schulter [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=712&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_713" class="wp-caption alignleft" style="width: 169px"><a href="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/10/dsc_0216.jpg"><img class="size-medium wp-image-713 " title="Lisboa" src="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/10/dsc_0216.jpg?w=159&#038;h=240" alt="" width="159" height="240" /></a><p class="wp-caption-text">Lisboa</p></div>
<p>Peter sagt, ihm tuen die Füße weh, geht hinüber und setzt sich auf eine Bank. Dann holt er seine Kladde aus der Fototasche, betupft die Miene seines Bleistifts mit etwas Speichel und beginnt zu schreiben. Peter hat die Fototasche getragen. Den ganzen Tag. Es war heiß und der Gurt hat tiefe Kerben in seine Schulter geschnitten. Eine Nikon und Objektive hat er darin, seine Kladde und einen Regenschirm. Man sollte immer mit Regen rechnen, sagt Peter. Er hat nicht ein Foto gemacht bisher. Er fotografiert nicht. Trotzdem trägt er sie.</p>
<p>Ein Mann rempelt mich an, als ich Peter hinterherlaufe. Der Mann entschuldigt sich. Ich sage „schon gut“, weil ich nicht weiß, was „schon gut“ in Portugiesisch heißt. Er blickt mir nach und ich genieße es. Vergesse kurz den stoisch dasitzenden Peter, der in seine Kladde schreibt, malt oder vielleicht auch nur so tut.<span id="more-712"></span></p>
<p>Dr. Meinert sagte, es sei gut, Urlaub zu machen und ich dachte, Lissabon sei genau richtig. Dort, wo wir unsere Flitterwochen verbracht hatten. Wir könnten am Meer spazieren gehen, kämen ein wenig unter Leute und könnten Abends bei einem Glas Wein die Sonne auf dem Meer glitzern sehen, wenn sich die rote Scheibe und das Blau langsam ineinander klappen. So wie damals. Ich dachte, es wäre gut. Ich dachte, es könnte schön werden.</p>
<p>Ich bestand darauf, dass Peter zu Dr. Meinert geht. Immer, wenn ich ihn abholte, sagte er nichts, strafte mich mit Schweigen. Nur einmal, da stellte er mir diese eigenartige Frage, die mir seitdem im Kopf herumschwirrt wie ein lästiges Musikstück: „Weißt du, an wen ich dabei gedacht habe?“ Und ich begann zu weinen, heimlich, schluckte die Tränen und ballte die Fäuste um das Lenkrad, blickte in den Rückspiegel und sah Sanne schlafend. Er sprach nicht weiter, als ich nichts erwiderte. Ich habe ihn nicht mehr danach gefragt.</p>
<p>Überall bröckelt es. Peter gefällt das. Er sagte immer, dass sei morbid und ich sagte dann, dass sei kaputt und wir lachten. Es war unser Spiel. Ich setze mich neben ihn auf die Bank, sage: „Lissabon ist kaputt, am zusammenklappen.“ Aber Peter hat sich in seinen Gedanken verloren, kritzelt in seine Kladde und schweigt.</p>
<p>Ich kann ihm nicht mehr in die Augen sehen seitdem. Wenn ich es tue, habe ich wieder diese Bilder im Kopf, die Peter mir in meine Erinnerung gepflanzt hat, so lange ich lebe: der wacklige Stuhl, auf dessen Seitenrahmen er balanciert, weil die geflochtene Sitzfläche durchgebrochen war; die Wäscheleine um seinen Hals und die Wäsche, die die Treppe hinunter fällt.</p>
<p>Zum Abendessen setzen wir uns in ein kleines Restaurant bei der Kathedrale Sé. Die Sonne streift ein goldenes Gewand über die beiden Türme. Mein Hals ist immer noch ganz rau. Peter war dagegen, beim Schlafen das Fenster geöffnet zu lassen, weil ihm sonst am nächsten Morgen der Hals kratzt und er eine Erkältung bekommt. „Blödsinn“, habe ich darauf gesagt. „Alles quatsch. Ein Lufthauch verursacht keine Erkältung.“ Er hat mich kurz angesehen, aber nichts gesagt. Nur dieser leere Blick.</p>
<p>Das Fenster blieb zu. Die Nacht über saß ich auf dem Balkon, von dem aus man das Meer sehen kann und die belebte Hauptstraße darunter, habe Zigaretten geraucht, eine nach der anderen, sie in meinem Wasserglas ausgedrückt. Gegen sechs rief ich meine Mutter an.</p>
<p>„Wie geht es Peter? Ist etwas passiert“, fragte sie.</p>
<p>Es war zu früh am Morgen für einen Sichmalmelden-Anruf. Überhaupt zu früh für Normalität. Es war nicht mehr die Zeit, nicht über schlimme Dinge zu sprechen.</p>
<p>„Alles gut“, log ich. „Wie geht es Sanne?“</p>
<p>Mutter sagte, dass Sanne sehr gut in Stadt, Land Fluss sei und ob ich das gewusst hätte. Ich sagte einfach „natürlich“ und dachte: Stadt, Land, Fluss. Stadt, Land, Schluss.</p>
<p>Peter stochert in seinem Fischgericht herum. Ich wusste nicht, dass Peter Fisch überhaupt mag und frage mich, warum er ihn bestellt hat, wenn er nichts isst. Falter poltern gegen die Laternen über uns. Man kann es hören.</p>
<p>„Schmeckt‘s“, frage ich ihn.</p>
<p>Er nickt.</p>
<p>„Sanne geht es gut, ich habe heute Morgen bei Mutter angerufen. Wusstest du, dass Sanne sehr gut in Stadt, Land, Fluss ist?“</p>
<p>Er nickt.</p>
<p>Nach dem Abendessen will Peter sofort schlafen gehen. Er zieht seine Sachen aus und legt sich ins Bett, knipst das Licht aus. Klack. Er knipst es einfach aus, wie ein Schnippen, so wie er mich aus seinem Leben geschnippt hat. Die Dunkelheit, die Enge und der Dampf in unserem Zimmer rauben mir den Atem. Ich gehe ins Badezimmer, dusche mich eiskalt, um die Hitze zu vertreiben.</p>
<p>Ich weiß noch – es war Silvester 2003 – da stand Peter an der Balkonbrüstung der WG, meine knallroten Pumps an den Füßen und die Schuhspitze zwischen den Stäben eingeklemmt. „Wie sehe ich aus“, lachte er und schwang eine Flasche Wodka im Takt der Musik, trank davon und sog abwechselnd an einer Haschischzigarette, sang: „Dem Tag mehr Leben, dem Tag mehr Leben.“ Wir waren wild, wir waren roh. Wir hielten unsere Handflächen über offenes Feuer und sahen zu, wer seine Hand zuerst der Hitze entzog. „Darf ich dich behalten“, fragte Peter und küsste mir mit meinem beerenfarbenen Lippenstift auf dem Mund den Schmerz von meiner Hand. Wir waren wie Kinder und nun haben wir selbst welche.</p>
<p>Ich hatte keine Erwartungen an Lissabon. Gut sollte es wieder werden. Mehr nicht. Das Meer, die Luft, die Menschen; sie würden es schon richten, dachte ich, dachte der Arzt. Aber wir merkten bald, dass wir überhaupt keine Erwartungen mehr haben. Und dass Peter das schon viel früher gemerkt hat als ich. Ich schlage mir ein Handtuch um die Hüften, wische die Feuchtigkeit von der Oberfläche des Spiegels und betrachte mein Gesicht. Es kommt mir wie Jahre vor, dass ich es zuletzt bewusst betrachtet habe; nicht nur ein flüchtiger Blick durch die Terrassentür, in der ich mich kurz sah, aber mein Blick sofort zu Sanne im Sandkasten ging. Faltig ist es geworden dieses Gesicht – und fad. Nicht einmal die Sonne Lissabons kann es richten, denke ich, greife nach meinem beerenfarbenen Lippenstift und male eine Sonne auf den Spiegel.</p>
<p>Als ich die Badezimmertür öffne, ist es angenehm kühl im Raum. Es riecht nach Meer, ich höre den Trubel auf den Straßen laut und deutlich. Die Vorhänge wehen mir entgegen. Ich sehe seine Silhouette durch das milchige Weiß, sehe ihn am Balkon stehen.</p>
<p>„Weißt du, an wen ich dabei gedacht habe“, sagt er, als ich näher komme und seine Zehen krallen sich um die unterste Sprosse der Balkonbrüstung. Ich kann die Kälte des Messings spüren. Die unmenschliche Kälte dieser furchtbaren Frage.</p>
<p>„Es war ein Test“, sagt er. „Ich wusste nicht mehr, was ich will, ob ich dich will, das mit dem Kind.“</p>
<p>Der Schall fließt an meinen Ohren vorbei wie ein sämiger Brei aus losen Worthülsen. Ich blicke auf die Straße hinab, höre die Menschen lachen. Wären sie schockiert, würden sie nach oben blicken? Würde er springen? Es ist mir egal.</p>
<p>„Ich habe nur an Sanne gedacht. Nur an sie“, sagt er, stockt kurz, als wringe er mit einem großen Klumpen in seinem Hals, der dort seit einer Ewigkeit heranwächst.</p>
<p>„Ich will die Scheidung.“</p>
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		<title>Fritz IX &#8211; Keine Vögel auf dem Drahtseil</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Aug 2011 15:36:48 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Die Menge aus staunenden Statuen in krachlederner Tracht öffnete sich vor mir wie ein schwerer, samtener Vorhang. Sie schienen alle nicht bei Sinnen zu sein, glotzten, als hätten sie gerade etwas unglaubliches Gesehen. Und auch ich wollte es sehen. Neugierig streifte mein Blick die Menge, ging dann zu Fritz hinüber, der eine Gabel in der [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=590&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_591" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-591" title="keine vögel auf dem drahtseil" src="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/08/dsc_0408.jpg?w=300&#038;h=199" alt="" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">keine vögel auf dem drahtseil</p></div>
<p>Die Menge aus staunenden Statuen in krachlederner Tracht öffnete sich vor mir wie ein schwerer, samtener Vorhang. Sie schienen alle nicht bei Sinnen zu sein, glotzten, als hätten sie gerade etwas unglaubliches Gesehen. Und auch ich wollte es sehen. Neugierig streifte mein Blick die Menge, ging dann zu Fritz hinüber, der eine Gabel in der Hand hielt; fest und unnachgiebig.<strong><span id="more-590"></span></strong></p>
<p>Auf den Zinken der Gabel war etwas rundes, weißes und als er das Gerät unter der nikotin-gelben Wirtshauslampe schwenkte, sah ich, was es war – ein Forellenauge. Ich war fast enttäuscht nur ein stinkendes Fischauge vorzufinden. Die Zinken durch die Matte Pupille getrieben, präsentierte Fritz den Apfel im diffusen Wirtshausschein. Mir wurde übel, aber ich konnte nicht wegsehen. Da saß ein Mittvierziger, langzotteliger, wildfremder Typ mit biergeschwängertem Atem, Schweineresten zwischen den Zähnen, einem Schuh an den Füßen und hatte dieses blonde Mädchen so lange bequatscht, eingelullt und betört, bis sie tatsächlich die Gabel nahm und das Auge aß. Sie kaute so genüsslich und selbstsicher, dass mir Fritz richtig unheimlich wurde, als er sich umdrehte und den Daumen nach oben hielt: „Abenteuerhunger, Junge.“ Alle lachten sie, Schnäpse wurden gebracht – irgendetwas undefinierbares, als „edler Tropfen“ angepriesen und ganz sicher selbst gebrannt. Ich hatte so meine Erfahrungen mit solchem Fuselzeug. Als Jugendliche probierten wir es selbst, haben noch Witze gemacht über plötzlich eintretende Blindheit, Blödheit und Geschlechtskrankheiten, bis mir tatsächlich kotzübel wurde, dass die anderen Panik bekamen. Trotz besseren Wissens und trotz einem Kurzen Gedanken an eben diesen Abend, zögerte ich nicht, nahm ein Glas vom Tablett und kippte die Flüssigkeit, die ein wenig nach Brackwasser, Obstler und Putzmittel schmeckte in meine Kehle. Im Nachhinein kann ich es nur so erklären, dass ich euphorisiert war, oder dämlich. Beides, wie auch der Wahnsinn, liegt oft nah beieinander und plötzlich wurde es still.</p>
<p>Es ist plötzlich so still. Blätter rascheln im Wind und der Boden knackt; die kleinen Wurzeln, Geäst und trockener Staub. Die Nachmittagssonne bricht durch die Baumkronen und von irgendwo hinter einer Biegung höre ich ein Schnaufen, Schürfen und Klackern. In meinem Kopf dreht sich die Welt, Sterne schwirren umher, obwohl es noch Tag ist und in meinen Augenhöhlen breitet sich ein dumpfes Pochen aus, als würde meine Seele anklopfen.</p>
<p>Ich bin in einem Wald und es ist völlig unmöglich zu sagen, welcher Tag, wie spät oder gar welche Jahreszeit es ist. Aber ich kenne diesen Wald. Und ich kenne dieses Röcheln. Ich befinde mich mitten in der Geschichte, die ich zu Beginn ausgespart habe. Gehe Schritt für Schritt auf das Geräusch zu, wohl wissend, denn eigentlich ist der Ablauf Vergangenheit und wohl bekannt. Mein Magen fühlt sich mau an. So ist es immer, wenn ich melancholisch bin. Und das war ich ja damals auch. Unterwegs auf einen meiner melancholischen Waldspaziergänge, grübelnd, voll von Liebeskummer. Doch nun fühlt es sich anders an, denn ich kenne die Geschichte. Die Melancholie beflügelt mich, ich beginne zu laufen, laufe auf Fritz zu, der im Bachbett steht und darin schaufelt und gräbt in kurzen Hosen, ohne Oberbekleidung. Ausgerüstet mit Spitzhacke, Schubkarren und Sieb sucht er nach Gold oder seinem Verstand. Wahrscheinlich beidem. Ich habe ihn nie danach gefragt. Überhaupt haben wir uns nie besonders viele Fragen gestellt. Das Leben des anderen ist für jeden von uns ein Geheimnis. Als Fritz mich sieht, sagt er etwas, aber ich verstehe es nicht. Seine Silhouette ist verzerrt, die Sätze sind stumm. Ich weiß nicht mehr, was er damals gesagt hat, aber ich weiß, dass ich begeistert war. Dieser Typ fesselte mich, was in diesem Moment meines Lebens wahrscheinlich nicht besonders schwer war. Ich war am Ende, kaputt, selbstzerstörerisch und einsam.</p>
<p>Fritz hackt und gräbt und das Pochen hinter meinen Augäpfeln wird stärker, lauter. Ich höre jemanden rufen, eine fremde Stimme.</p>
<p>„Hallo, du?!“</p>
<p>Eine Stimme, von ganz weit weg. Ein Schütteln geht durch meinen Körper.</p>
<p>„Ist alles in Ordnung?“</p>
<p>Etwas Kaltes wird gegen meine Stirn gepresst und langsam dringt der Geruch von altem Holz und klebriger Süße in meine Nase. Dann öffne ich die Augen.</p>
<p>Da lag ich also wie ein Häufchen Elend. Ich sah es sofort an ihren Gesichtern, dass jeglicher Respekt verflogen war. Ich hatte ihm nicht standgehalten, dem Selbstgebrannten und hätte ich meine Situation erklärt, dass nicht der Alkohol, sondern irgendetwas anderes, mir die Augendeckel zugeschlagen hat, so wäre dies um so peinlicher für mich gewesen. Mühselig raffte ich mich auf und klopfte meine Hosen ab. Gleichzeitig suchte ich Fritz, zwickte die Augen zusammen, konnte ihn jedoch nicht entdecken. Der Capo bot an, mich nach draußen zu bringen. Er hatte wohl Angst, dass ich mich als Krönung noch übergeben würde, aber ich winkte ab, zündete mir im Hinausgehen eine Zigarette an und lehnte mich an die Hausmauer. Ich wartete eine Weile, ging dann hinüber zu unserer Bank, von der aus wir den Laternenpinkler beobachtet hatten. Es lässt sich schwer sagen, wie lange ich gewartet habe. Aber es wurde bereits hell. In immer kürzeren Abständen wankten sie aus der Bierhütte Richtung Wagen, Rasen oder Nirgendwo. Ich wartete, aber es beunruhigte mich keineswegs. Irgendwie hatte ich mit so einem klammheimlichen Abgang gerechnet, es von Fritz nicht anders erwartet. Er verschwand so einfach und plötzlich, wie er in meinem Leben aufgetaucht war. Ich war nicht in der Verfassung, mir darüber Gedanken zu machen, was diese Begegnung meinem Leben gebracht hat, ob es mich bereichert hat, oder zu einem bessern Menschen machen wird. Vielleicht war auch alles ein Traum, jedoch, der Bus, der schließlich vor meiner Nase stand und in den ich ohne zu zögern einstieg, der war Realität. Und das letzte, was ich von diesem Ort, von dem ich nicht einmal den Namen wusste &#8211; der mir im Nachhinein vorkommt, wie eine alte Schwarzweißfotografie -, sah, war ein Strommast, der mir im Gedächtnis blieb, weil kein einziger Vogel darauf saß. Das machte mich irgendwie stutzig.</p>
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		<title>Die digitale Bohème, die Provinz et moi</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 10:51:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein schlaksiger Typ mit MacBook, gehüllt in einen dezenten Ringelpullover auf Tisch elf. Ich denke an „oh là là“ und „très chic“, schreibe es auf, kreiere daraus eine Ideenwolke und kritzle sie in mein digitales Moleskine, beantworte eine Mail und twittere die Wolke. Der Geruch von Latte macchiato windet sich in meine Nasenlöcher und leckerer [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=445&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_446" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/08/dsc_0465.jpg"><img class="size-medium wp-image-446 " title="#provinz-apple" src="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/08/dsc_0465.jpg?w=300&#038;h=199" alt="#provinz-apple" width="300" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">#provinz-apple</p></div>
<p>Ein schlaksiger Typ mit MacBook, gehüllt in einen dezenten Ringelpullover auf Tisch elf. Ich denke an „oh là là“ und „très chic“, schreibe es auf, kreiere daraus eine Ideenwolke und kritzle sie in mein digitales Moleskine, beantworte eine Mail und twittere die Wolke. Der Geruch von Latte macchiato windet sich in meine Nasenlöcher und leckerer Mohnkuchen wird von einer jungen Frau mit fransigen Haaren und Segeltuchschuhen an mir vorbeigetragen. Der Hall ihres Ganges verschwimmt im Mischklang von Kaffeeschlürfen, Musik, die aus iPod-Ohrsteckern summt und Tastaturklackern.<span id="more-445"></span></p>
<p>Digitale Bohème nennt sich das Beschriebene, spätestens seit 2006 und „Wir nennen es Arbeit“ (Heyne) von Sascha Lobo und Holm Friebe. Alter Hut in 2011, denken Sie sich nun. Alles schon mal dagewesen. Was wäre aber, wenn ich Ihnen, werten Lesern, erzähle, dass ich nicht in einem Berliner Café sitze und der Kaffee gegen Bier und der Mohnkuchen gegen Schweinebraten getauscht werden muss, das Ringelshirt und die Sneakers zur bildlichen Vervollständigung gegen Dirndl und Haferlschuhe? Dann ist das immer noch digitale Bohème, würde aber hier keiner sagen. Hier. Auf dem Land. In der bayerischen Provinz.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Kräuter der Provinz</strong></p>
<p>Ich weiß, was Sie jetzt denken: Was will die Tante aus dem Kaff uns erzählen über digitale Bohème und was sie vom Internet gelernt hat, wo sie wahrscheinlich noch nicht mal DSL besitzt? Schön, dass Sie fragen.</p>
<p>Alles fing damit an, dass ich zum Beginn meines Studiums 2006 in die Wirklichkeit der Generation Praktikum eintauchte. Genau zwei Praktika habe ich durchgestanden. Ich sträubte mich früh gegen das Pimpen des Lebenslaufs, gegen 9to5-Verhältnisse.</p>
<p>Ich begann zu schreiben, nicht bei der Lokalzeitung, sondern einem Online-Musikmagazin, konnte damit sogar Geld verdienen und besorgte mir eine Steuernummer. Da wusste ich noch nichts von digitaler Bohème, die Friebe und Lobo als Menschen definieren, die ein selbstbestimmtes Leben führen mit den „Segnungen der Technologie“ – kurz selbstständig, kreativ, digital. Meine kreative Arbeit war Brotjob, nichts weiter. Und wenn Sie nun glauben, der Drang nach selbstständiger freier Arbeit rührt von absinthgeschwängerten Studenten-Sit-ins, so täuschen Sie sich. Der Anstoß kam von daheim. Aus der Provinz.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das „globale“ Dorf</strong></p>
<p>In meinem Fall war es die Kleinkunstbühne um die Ecke, die vor 20 Jahren von München aufs Land gezogen ist – und die Künstler sind ihr treu geblieben. Bei Chili con Soja und Guiness wird nach den Konzerten mit Künstlern und Wirt zusammengesessen, gequatscht, zu Hause verlinkt man sich über Social Networks, hält den Kontakt. Der Wirt animierte mich zum Schreiben. Im Nachhinein würde ich ihn als den ersten digital bohemian bezeichnen, den ich in der Provinz kennenlernte. Er sitzt nicht mit MacBook im Kaffeehaus, auf dem Land spielt die digitale Bohème nach eigenen Regeln.</p>
<p>Die digitale Bohème ist nach Lobo und Friebe ein urbanes Phänomen, weil die Stadt aufgeschlossener gegenüber alternativen Lebensentwürfen sei. Das heißt eigentlich nur, dass es in den Städten leichter ist. Die digitale Bohème beschränkt sich nicht auf den urbanen Raum, wurde nur in ihm kreiert.</p>
<div id="attachment_447" class="wp-caption alignright" style="width: 209px"><a href="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/08/dsc_0104-kopie.jpg"><img class="size-medium wp-image-447 " title="#provinzhoelle - nur weg?" src="http://axtimwald.files.wordpress.com/2011/08/dsc_0104-kopie.jpg?w=199&#038;h=300" alt="#provinzhoelle - nur weg?" width="199" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">#provinzhoelle - nur weg?</p></div>
<p>Sie hat sich zwar noch nicht wirklich auf dem Land niedergelassen, aber das muss sie auch nicht. Die Voraussetzung für die Entstehung einer Bohème im Allgemeinen ist auf dem Land nicht schlechter als in der Stadt. Nach Julius Bab, der 1904 die Beschaffenheit der Berliner Bohème kurz abriss, braucht es dafür nur einen „geistigen Anlass“ und die „materielle Notwendigkeit“. Für die digitale Bohème natürlich den Ausbau der Internet-Infrastruktur. Und dieser schreitet voran. Marshall McLuhans Begriff vom „globalen Dorf“ wird Realität.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Provinzhölle – natürlich!</strong></p>
<p>Es ist gern die Rede von der „Provinzhölle“, der ländlichen Enge und da ist auch etwas dran. Diese subjektive Enge kann begünstigend wirken. Wer kreativ ist, sucht sich Schlupflöcher, schließt sich zu Kollektiven zusammen: Garagenbands, Künstlergruppen, die Raum zum Proben und Abhängen haben, denn die Mieten sind günstig. Sie sind wunderbar vernetzt, flexibel, anspruchsvoll, sie konsumieren, es entsteht ein Markt. So hat das Hamburger Label Audiolith mit seinen Künstlern Bratze, Frittenbude und Egotronic im März 2010 eine Promotiontour in die Provinz gestartet, nannte es „Dorfdisko Geiselfahrt“. Das teilweise mangelhafte Angebot an kulturellen Veranstaltungen ist das, was hier positiv wirkt. So sagte Audiolith-Gründer Lars Lewerenz der taz, dass man Kleinstädte noch unsicher machen könne. Anders als in Hamburg, München oder Berlin, wo das Publikum kulturell übersättigt sei. Das ist auch der Grund, warum selbstständige, kreative Arbeit auf dem Land funktionieren kann. Dank Internet und weil man hier nicht einer von vielen ist. Für mich ist es Freiheit 2.0. „Sie können das auch“, wäre noch ein schöner, schnulziger Schlusssatz; „Für mehr Bohème auf dem Land!“ eine schöne Parole.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/axtimwald.wordpress.com/445/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/axtimwald.wordpress.com/445/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/axtimwald.wordpress.com/445/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/axtimwald.wordpress.com/445/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/axtimwald.wordpress.com/445/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/axtimwald.wordpress.com/445/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/axtimwald.wordpress.com/445/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/axtimwald.wordpress.com/445/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/axtimwald.wordpress.com/445/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/axtimwald.wordpress.com/445/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/axtimwald.wordpress.com/445/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/axtimwald.wordpress.com/445/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/axtimwald.wordpress.com/445/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/axtimwald.wordpress.com/445/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=445&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Fritz VIII &#8211; Guru</title>
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		<pubDate>Sat, 16 Jul 2011 11:02:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[eine ungarische Taufe]]></category>
		<category><![CDATA[Fritz]]></category>
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		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[landleben]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wo anders braucht`s das aber nicht abzuziehen“, schmatzte der Capo, der gerade dabei war eine Schweinshaxe mit Kartoffelsalat hinunterzuschlingen. Wie ein Schwein über dem Trog, hing er über dem Teller. „Ihr habt Glück, dass wir hier noch Spaß verstehen“. Mit dem Messer auf uns gerichtet, verlieh er seinen Worten Nachdruck und ich wusste sofort, was [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=378&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Wo anders braucht`s das aber nicht abzuziehen“, schmatzte der Capo, der gerade dabei war eine Schweinshaxe mit Kartoffelsalat hinunterzuschlingen. Wie ein Schwein über dem Trog, hing er über dem Teller. „Ihr habt Glück, dass wir hier noch Spaß verstehen“. <span id="more-378"></span>Mit dem Messer auf uns gerichtet, verlieh er seinen Worten Nachdruck und ich wusste sofort, was genau er mit „Spaß“ meinte. Ich schaute Fritz an mit meinem verdatterten Gesicht, das ich wahrscheinlich seit unserer Abreise übergestülpt hatte, ohne es zu merken. Fritz war die Ruhe selbst. Er schäkerte mit den Bedienungen, schnapselte mit den Thekenbrüdern und ließ mich ganz allein zwischen dem Capo und dem Laternenpinkler zurück. So eingepfercht lauschte ich also den Walgesängen, den unendlichen Weisheiten, die schmatzend vorgetragen wurden.</p>
<p>„Die meisten meinen ja, wir schieben hier den Mond noch mit der Stange vor, aber nene“, sprach’s schmatzend, schluckend, kauend. Der Capo schien mir ein Mann von Welt zu sein. Er erzählte mir sprichwörtlich die Story von der wilden Sau. Erklärte mir, wie man einen Eber richtig erlegt und ich musste wieder an den ungarischen Wirt denken. Blank polierte Abzeichen wurden chronologisch vorgezeigt und ich blickte mich sehnsüchtig nach Fritz um, der sich wieder hervorragend aus der Affäre gezogen hatte.</p>
<p>Ich sah ihn am anderen Ende des Saals in Mitten einer Runde von Frauen sitzen. Er wedelte mit irgendetwas Glänzendem in der Luft herum und funkelnd-staunende Frauenaugen blickten ihn mit der Tiefe eines seichten Rinnsals an. Die todlangweiligen Geschichten fesselten mich und als ich aufzustehen versuchte, wurde sogleich wieder angestoßen, mein Hosenboden zurück auf den Stuhl gedrückt. Kein Entkommen. Fritz derweilen vollführte guruartige Handbewegungen, zelebrierte schamanische Gebete und hüllte seine Glaubensgemeinde in süßlich duftende Redewolken. An meinem Tisch ging das Gespräch ohne Überleitung in säuische Anekdoten über, während Fritz nun die Aufmerksamkeit einer großen Blonden mehr und mehr für sich beanspruchte. Das glänzende Ding in seiner Hand schien eine Gabel zu sein, mit irgendetwas Rundem darauf. Achterbahnfahrten des dreizackigen Essbestecks mit tranceartig nachfolgenden blauen Blondinenaugen. Das musste ich mir ansehen.</p>
<p>Ich erwischte einen guten Moment, als der Capo Ehegeschichten auspackte, eine zielsichere Pointe landete und sich alles krümmte, vorbeugte und mit der Faust auf den Tisch schlug. Ich lachte, damit es nicht auffiel, dass ich vor hatte zu flüchten, deutete auf meinen Hosenlatz „ich muss mal“, als sie plötzlich misstrauisch wurden. Es war eine seltsame Stimmung am Tisch. Alles scharrte sich um Fritz und es war beinah kein Durchkommen. Ich drückte mich vorbei an offenen Mündern und vor dem Bauch verknoteten Armen, die wie Abwehrspeere auf mich gerichtet waren. Irgendwann schaffte ich es dann und stand genau hinter ihm, so nah, dass ich eine Mischung aus Minze, Schweiß und Bier in der Nase hatte: eindeutig Fritz‘ Parfumnote. Als ich endlich einen Blick auf das mysteriöse Etwas erhaschen konnte, traute ich meinen Augen nicht. Jetzt hatte er den Vogel endgültig abgeschossen.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/axtimwald.wordpress.com/378/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/axtimwald.wordpress.com/378/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/axtimwald.wordpress.com/378/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/axtimwald.wordpress.com/378/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/axtimwald.wordpress.com/378/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/axtimwald.wordpress.com/378/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/axtimwald.wordpress.com/378/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/axtimwald.wordpress.com/378/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/axtimwald.wordpress.com/378/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/axtimwald.wordpress.com/378/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/axtimwald.wordpress.com/378/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/axtimwald.wordpress.com/378/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/axtimwald.wordpress.com/378/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/axtimwald.wordpress.com/378/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=378&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Fritz VII &#8211; Schützenfest</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jun 2011 15:15:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[eine ungarische Taufe]]></category>
		<category><![CDATA[Fritz]]></category>
		<category><![CDATA[Schützenfest]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich hätte das Gesicht dieser Gesellschaft gerne gesehen, als Fritz mit dem Zigarettenstummel im Mund und der Wumme im Anschlag durch die Stubentür stürmte. Aber ich war völlig verdaddert, als Fritz dieses Ding aus dem Wagen zog, kurz hämisch grinste und dem Fiestabesitzer hinterherrannte. Ich weiß nicht, wie lange ich noch auf der Bank saß, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=288&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich hätte das Gesicht dieser Gesellschaft gerne gesehen, als Fritz mit dem Zigarettenstummel im Mund und der Wumme im Anschlag durch die Stubentür stürmte. Aber ich war völlig verdaddert, als Fritz dieses Ding aus dem Wagen zog, kurz hämisch grinste und dem Fiestabesitzer hinterherrannte. <span id="more-288"></span>Ich weiß nicht, wie lange ich noch auf der Bank saß, Fritz hinterherschielte, sogar kurz lächelte, bis ich begriff, was los war. Als ich ein paar Sekunden danach durch die Tür kam, lagen sie alle vor Schreck auf dem Boden. Die Kellnerinnen hatten ihre Tablette nach hinten geschmissen, Bierkrüge rollten über den morschen Bretterboden und die Tanzband &#8211; von der nur noch das Trillionenecho des Keyboards nachhallte (sie hatten wohl gerade „Jump“ von Van Halen angestimmt) &#8211; verschanzte sich mit ihren rosa glitzernden Sakkos und den weißen Hosen  hinter dem Bassisten. Er schien wohl, sollte es hart auf hart kommen, der am ehesten zu entbehrende Mann sein.</p>
<p>„Keine Panik Leute, das war nur ein Witz“, versuchte ich die gefüllten Lederhosen zu beruhigen und erblickte den Laternenpinkler, dem Fritz im Verlauf des Abends nur noch „Urinella“ hinterherschreien sollte, weil er sich trotz kürzlicher Entleerung wohl vor Schreck ins Hemd gemacht hatte. Schließlich kam ein untersetzter, dickbäuchiger Mann auf uns zu. Er hatte sich in die hinterste Ecke des Tresens verkrochen. Nun zog er etwas beschämt die Lederkluft zurecht und machte deeskalierende Handbewegungen. Es musste der Capo sein. Ein dunkelbrauner Wollbart zierte sein Schnapsgesicht, hing vor seiner Fressluke wie ein altes, vergilbtes Fliegennetz. Langsam und unsicher tastete er sich an Fritz heran. Dieser verzog keine Miene und blies den blauen Rauch seiner Zigarette ein und durch einen kleinen Spalt der Mundwinkel, wie ein Seemann, wieder hinaus.</p>
<p>Der Capo nahm das Gerät und lud einmal durch, dann richtete er den Lauf nach oben und drückte ab. Klack. „Sie ist nicht geladen“, rief er und fing an zu lachen. Lauthals brach die Menge in alkoholgefülltes Gelächter aus. Auch ich begann zu lachen, aus Erleichterung, dass sie uns wohl nicht lynchen würden und der Capo nicht in die Decke geschossen hatte. Das, was dann passierte, würde in Kinofilmen entweder in Slow-Motion passieren oder in einer Bud-Spencer-artigen Prügelei ausarten. Fritz kümmerte es nicht. Er stand da wie angewurzelt, als sich das Grinsen des Capos plötzlich verabschiedete, ein lauter Pfiff durch seine Kiemen rasselte und diese Horde aus Wilden uns einkreiste. Im Kinofilm würde es wahrscheinlich ein Happy End für die Protagonisten geben. Bei unserer Situation war ich mir da nicht so sicher.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/axtimwald.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/axtimwald.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/axtimwald.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/axtimwald.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/axtimwald.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/axtimwald.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/axtimwald.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/axtimwald.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/axtimwald.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/axtimwald.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/axtimwald.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/axtimwald.wordpress.com/288/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/axtimwald.wordpress.com/288/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/axtimwald.wordpress.com/288/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=288&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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	</item>
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		<title>Fritz VI &#8211; Lebensgeschichten</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Jun 2011 15:54:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[eine ungarische Taufe]]></category>
		<category><![CDATA[Fritz]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Wagen war nicht mehr aufzufinden und wir nahmen den Bus, eine wacklige Eierschale, tausendmal umsteigen, kurz vor München das letzte Mal, nur auszuhalten mit Flüssigproviant, mit der uns die Taufgesellschafft ordentlich eindeckte. Gewundert hat es mich nicht, dass wir den Anschluss verpassten und in dieser Saupampa schließlich übernachten mussten. Fritz musste sich unbedingt Zigaretten [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=285&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Wagen war nicht mehr aufzufinden und wir nahmen den Bus, eine wacklige Eierschale, tausendmal umsteigen, kurz vor München das letzte Mal, nur auszuhalten mit Flüssigproviant, mit der uns die Taufgesellschafft ordentlich eindeckte. Gewundert hat es mich nicht, dass wir den Anschluss verpassten und in dieser Saupampa schließlich übernachten mussten.<span id="more-285"></span></p>
<p>Fritz musste sich unbedingt Zigaretten kaufen, obwohl er auch sonst nicht rauchte. Aber diese Enge der Busfahrt habe ihn so wahnsinnig gemacht, dass er jetzt unbedingt paffen musste. Er rauchte nicht einmal richtig und als ich ihn darauf ansprach, sagte er nur: „Denkst du, ich bin bescheuert, Junge? Ich zieh mir doch nicht so einen Dreck in die Lungen!“ Und ich hörte seine Leber ironisch husten.</p>
<p>Wir setzten uns auf eine Bank und Fritz blies seine blauen Wolken in die Nacht, in der sich außer dem Nikotindunst nichts aber rein gar nichts rührte. Selten fuhr ein Auto vorbei, selten saßen darin normale Menschen, die normale Musik hörten. Aber es wäre vielleicht alles gut gewesen. Wir hätten diese laue Nacht auf dieser Bank zugebracht und in das Dunkel gestarrt, ab und an aus der Flasche getrunken. Irgendwann hätten wir uns unsere Lebensgeschichte erzählt, aber das hätte wohl einiges zerstört. Als ich noch meinen Job hatte und im Außendienst unterwegs war, haben sie mir ständig ihre Lebensgeschichten aufgedrückt. Ich glaube, für so etwas habe ich eine gewisse Aura. Mit all den Geschichten in meinem Kopf kann man nur anfangen zu saufen, aber lässt es schnell wieder bleiben – zumindest in der Öffentlichkeit – , weil es an den Tresen in den Eckkneipen dieser Welt nur so wimmelt vor Lebensgeschichten. Wahrscheinlich mochte ich Fritz genau deswegen, weil ich seine Geschichte nicht kannte.</p>
<p>Er hielt mir stumm die Pulle hin und drückte die Kippe mit seinem Schuh aus, dem einen, den er noch besaß, und ich musste lächeln, genoss die Ruhe und die Tatsache, einmal keinen Ärger zu haben. Bis dieser Typ in bayerischer Uniform vorbeitorkelte und sich bei Fritz sofort die Antennen ausfuhren.</p>
<p>Er gaffte ihm nach, wie eine Katze, die eine Maus erblickt hat. Er beobachtete ihn, wie er sich an einer Laterne umständlich festhielt und gegen den Wind urinierte, schließlich auf dem Rücksitz seines Ford Fiestas irgendetwas suchte und den Wagen unverschlossen zurückließ.</p>
<p>Etwas mulmig war mir schon, als Fritz sofort aufstand, ihm hinterherspionierte und schließlich einfach in den Wagen stieg. Aber noch mulmiger wurde mir, als ich sah, was er in dem Wagen fand.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/axtimwald.wordpress.com/285/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/axtimwald.wordpress.com/285/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/axtimwald.wordpress.com/285/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/axtimwald.wordpress.com/285/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/axtimwald.wordpress.com/285/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/axtimwald.wordpress.com/285/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/axtimwald.wordpress.com/285/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/axtimwald.wordpress.com/285/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/axtimwald.wordpress.com/285/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/axtimwald.wordpress.com/285/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/axtimwald.wordpress.com/285/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/axtimwald.wordpress.com/285/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/axtimwald.wordpress.com/285/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/axtimwald.wordpress.com/285/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=285&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Soundtrackstory III &#8211; ein asiatisches Requiem</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Jun 2011 14:48:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[ein asiatisches Requiem]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[soundtrackstory]]></category>

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		<description><![CDATA[Diese Frau war eine Herausforderung. Sie ließ mich nicht los, als habe sie die Kontrolle über meine Gedanken erlangt; sie spielte damit, zog abwechselnd an einem und dann an einem anderen Strang, als würde sie stricken – bunte Gedanken stricken. Ich ging auf die Toilette und wusch mein Gesicht. Im flackernden Neonlicht wirkte mein Spiegelbild [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=282&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Diese Frau war eine Herausforderung. Sie ließ mich nicht los, als habe sie die Kontrolle über meine Gedanken erlangt; sie spielte damit, zog abwechselnd an einem und dann an einem anderen Strang, als würde sie stricken – bunte Gedanken stricken.<span id="more-282"></span></p>
<p>Ich ging auf die Toilette und wusch mein Gesicht. Im flackernden Neonlicht wirkte mein Spiegelbild alt und leer, wie eine faltige Hülle, die in einen Armanianzug hineingegossen wurde. Es war, als würde ich durch mich hindurch sehen. Mein Blick sprang hin und her, wie ein Ping-Pong-Ball wurde er vom Spiegel an die milchige Front der Toilettentür geschleudert. Ich glaube, eine so verdammt edle Klotür hatte ich noch nie gesehen. Der Griff glänzte golden und erst wenn man die Verriegelung drehte, änderte sich die Front von einem klaren Glas in trübe Milchlake.</p>
<p>Die Handflächen auf die Wangen gepresst, strich ich mein Gesicht glatt, bügelte diese Lederhaut, die aufgeschwemmt war von zu viel Nikotin und Alkohol. Ich zog die Augenpartie nach hinten, so wie man es macht, möchte man den Ausdruck eines Asiaten nachahmen. Ich gab keinen besonders guten Asiaten ab, schon allein wegen der kohligen Augenringe.</p>
<p>Als ich an die Bar zurückkam, war sie verschwunden und irgendwie hatte ich das erwartet. Es passte in ihr Muster, in dieses undurchschaubare Mandala. Nur das Cocktailglas mit der von kleinen Kratern übersäten Olive stand noch da. Ich sah ihre Fingerabdrücke, die sie auf den Glaswänden hinterlassen hatte. Der Kellner polierte gerade irgendetwas, lächelte und nickte in Richtung ihres Platzes, an dem sie gesessen hatte. Auf der Serviette schienen mir rote Lettern entgegen, wahrscheinlich Lippenstift.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Taxi brachte mich zu der Adresse, die sie auf der Serviette hinterlassen hatte: ein großer, grauer Betonklotz mit aus den Fenstern ragenden grün-lackierten Klimaanlagen. Ein Haus wie das andere. Doch bei diesem stand die Tür offen und ich war erleichtert, denn die unzähligen Klingelschilder durchzusehen, hätte meinen Verstand in diesem Moment überfordert. Ich war nicht mehr fähig, darüber nachzudenken, wo ich war und was ich vielleicht gerade im Inbegriff war zu tun. Ich ging einfach durch diese Tür und folgte der Musik &#8211; Pianoballaden, ähnlich wie die in der Hotelbar –, die sich auftat, als ich still vor dem Klotz stand. Sie schien aus einem der oberen Stockwerke nach unten zu dringen.</p>
<p>Im Treppenhaus roch es nach Fisch. Der Aufzug war defekt, aber es verwunderte mich nicht. Ich stieg die Treppen hinauf, als wüsste ich genau, wohin ich gehen müsste, als würde ich selbst seit Jahren hier wohnen. Jedoch röchelte ich stark, als ich im fünften Stock ankam, wie ein Kettenraucher, aber war ich doch eigentlich seit Jahren gut in Form, trotz des Nikotins. Mit jedem Schritt schwanden meine Kräfte ein kleines Stück und ich schob es auf den Alkohol.</p>
<p>Ich erreichte den fünften Stock und wieder stand eine Tür offen. Am Klingelschild war kein Name angebracht, aber hier musste ich richtig sein, allein wegen der Balladen. Als ich eintrat, breitete sich der volle Klang der Musik aus. Es war eine kleine Wohnung, nur ein Zimmer mit einem kleinen Bett, einer Kochzeile und einem Regal, in der die Stereoanlage stand. Eine weitere Tür, hinter der sich wahrscheinlich das Bad verbarg, war geschlossen. Ich schloss die Wohnungstür ebenso, setzte mich auf das Bett und wartete. Ich dachte keine Minute daran, dass ich riesen Ärger bekommen würde, wenn das nicht Kates Wohnung war, denn ich zweifelte nicht, überhaupt dachte ich nicht. Ich blickte mich etwas um und entdeckte im Regal ein rundes Goldfischglas, in dem ein kleiner Fisch schwamm. Nur der Fisch und Wasser waren darin. Das Tier sollte es wohl nicht gemütlicher haben als sie selbst. Ich klopfte an das Glas, hielt meinen Finger in das Wasser. Der Fisch umschwamm ihn, wie Kinder um Maibäume tanzen. Ich hätte dieses Tier stundenlang anstarren können, doch dann öffnete sich die Badezimmertür und Kate trat heraus, gehüllt in eine langes, rotes Kleid. Es war roter Samt – blutrot – und ich wusste wer sie war; es durchfuhr mich, als sie mir in die Augen sah.</p>
<p>Sie sagte nichts, setzte sich zu mir und starrte an die Wand. Das Wasser kühlte meinen Finger. Ich war nicht fähig ihn herauszuziehen. Die andere Hand lag auf dem Bett und Kate umfasste sie mit ihren eiskalten Händen. Ich hörte es, vielleicht kam es aus ihrer Stereoanlage, vielleicht existierte die Musik nur in meinem Kopf. Doch ich hörte es klar und deutlich; gediegenes Moll, die Seufzer, mein Requiem. Es war ein schönes Gefühl, das meinen Körper durchströmte. Ein Gefühl, das ich noch nie zuvor gespürt hatte. Liebe, Erlösung &#8211; ich wusste es nicht zu sagen.</p>
<span style="text-align:center; display: block;"><a href="http://axtimwald.wordpress.com/2011/06/23/soundtrackstory-iii-ein-asiatisches-requiem/"><img src="http://img.youtube.com/vi/qsppsK4cRAE/2.jpg" alt="" /></a></span>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/axtimwald.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/axtimwald.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/axtimwald.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/axtimwald.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/axtimwald.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/axtimwald.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/axtimwald.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/axtimwald.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/axtimwald.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/axtimwald.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/axtimwald.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/axtimwald.wordpress.com/282/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/axtimwald.wordpress.com/282/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/axtimwald.wordpress.com/282/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=282&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Soundtrackstory II</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Jun 2011 13:46:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Debussy]]></category>
		<category><![CDATA[ein asiatisches Requiem]]></category>
		<category><![CDATA[Pianoballaden]]></category>
		<category><![CDATA[Soundtrack]]></category>
		<category><![CDATA[soundtrackstory]]></category>

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		<description><![CDATA[Sie war wie eine Fata Morgana. Lieblich, schön; das, was das Herz wohl schmerzende Sehnsucht nennt. Aber war sie wirklich wahr? Nach jedem Blick fragte ich mich das. Sie hatte eine fiktive Aura, als wäre sie nie hier, nie wo anders, aber doch überall. Als sie ein Getränk bestellte, hörte ich ihre Stimme – und [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=265&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie war wie eine Fata Morgana. Lieblich, schön; das, was das Herz wohl schmerzende Sehnsucht nennt. Aber war sie wirklich wahr? Nach jedem Blick fragte ich mich das. Sie hatte eine fiktive Aura, als wäre sie nie hier, nie wo anders, aber doch überall. Als sie ein Getränk bestellte, hörte ich ihre Stimme – und ich mochte diese Stimme –, doch konnte ich mich im nächsten Moment nicht mehr daran erinnern, wie sie geklungen hat. Ich denke sie war tief, etwas rauchig, vergleichbar mit dem Geschmack eines richtig guten Cognacs. Ihre Augen &#8211; wie ein schwarzes Loch. Sie sogen die Umgebung ein und schließlich war niemand mehr wirklich da, nur sie. Als würde die Welt um sie erstarren, als würde sie die Zeit anhalten und die Umgebung einfrieren, immer, wenn ihr danach war.<span id="more-265"></span></p>
<p>Sachte nahm sie eine Stufe nach der anderen, setzte mit ihren Ballen auf dem Untergrund auf und stieg hinauf zu einem abgelegenen Tisch, an dem zwei Männer in Anzügen saßen. Sie strich durch ihr Haar und einer der Anzüge setzte sich in Bewegung. Im nächsten Moment kam kein öliger Jazz mehr aus den Boxen. Der Anzug hatte für sie leise Pianoballaden aufgelegt.</p>
<p>Sie war nicht klein und schlaksig, wie die meisten Asiatinnen. Ihre Hüften waren etwas üppiger, die Brüste groß und in einer eleganten schwarzen Bluse verpackt, deren Knöpfe gerade so weit geschlossen waren, dass es nicht unzüchtig erschien, aber meiner Fantasie einen gewissen Spielraum bewahrte.</p>
<p>Ich konnte mich nicht konzentrieren, obwohl es ein sehr spannender Artikel war über einen Radfahrer, der von Deutschland aus die Welt umrundet hat. Ich las diesen einen Abschnitt bereits zum dritten Mal und gab schließlich auf, klappte das Magazin zu.</p>
<p>Sie wandte sich aus ihrem Mantel wie eine Schlange. Sie war wohl recht häufig hier, die Umgebung wirkte äußerst vertraut auf sie. Sie setzte sich an den Tresen, dem Barkeeper direkt gegenüber, bestellte einen Drink und piekste mit dem Zahnstocher kleine Löcher in ihre Olive, während sie den Stil des Glases zart umfasste. Natürlich merkte sie, dass der Barkeeper sie betrachtete, vielleicht gefiel es ihr sogar und sie setzte sich deswegen immer auf den Barhocker, der ihm direkt gegenüber war.</p>
<p>Ich dachte daran, ihr einen Drink auszugeben und schlenderte an die Bar. Mein Kommen schien sie nicht im geringsten zu beeindrucken. Auch schien sie meine Gedanken bereits gelesen zu haben, noch während ich mich auf den Barhocker neben sie setzte, denn sie tippte mit ihren langen, roten Nägeln gegen die Wand ihres Glases und sagte auf englisch: „Ich habe noch.&#8220;</p>
<p>Es war merkwürdig kalt am Tresen, was sie nicht zu stören schien, obwohl ihre Bluse kurze Ärmel hatte. Kalt war auch ihr Blick, während sie in ihren Drink  guckte und sich ihre Gedanken im Martini zu verlieren schienen.</p>
<p>&#8222;Wie kommt es, dass eine so schöne Frau wie Sie hier so alleine sitzt&#8220;, fragte ich schließlich und bereute die Frage sogleich, denn sie war keine dieser Frauen, der man so eine Frage stellt.</p>
<p>&#8222;Wie kommt es, dass<em> </em><em>Sie</em> hier so alleine sitzen&#8220;, sagte sie, ohne auch nur ihren Blick aus ihrem Glas zu nehmen. Damit hatte ich nicht gerechnet und im ersten Moment wusste ich keine Antwort. Es war wohl der Cognac und das Sitzen an einer Bar, das bei Männern in der Regel den Drang auslöst, zu erzählen. Also erzählte ich. Ich erzählte vom verpatzten Essen, dass ich ohne Auftrag nach Deutschland zurückfliegen werde und dass ein Lächeln von ihr mir diesen Abend ein Stück weit erträglicher gemacht hätte und dass sie einen außerordentlich guten Musikgeschmack hat und ich ihr danke, für diese Musik.</p>
<p>Sie blickte immer noch in das Glas, als ich fertig war, jedoch huschte ein kleiner Hauch durch ihre Iris. Ich konnte nicht erkennen, ob es vielleicht der Anflug eines Lächelns, ein positiver Gedanke oder furchtbare Langeweile war. &#8222;Manchmal laufen die Dinge nicht so, wie man es gerne hätte&#8220;, sagte sie trocken. Ich verspürte den Drang sie zu fragen, ob ihr Tag vielleicht ebenso unerträglich war, wie meiner, doch sie redete einfach weiter, gestattete mir die Frage nicht: &#8222;Ich habe heute ein schlechte Nachricht bekommen. Diese Nachricht war von außerordentlicher Wichtigkeit für mich. Jetzt versuche ich darüber hinweg zu kommen.&#8220; Sie sah mir nun direkt in die Augen. Es waren starke, aber doch traurige und vollkommen schwarze Augen. Sie holte eine Zigarette aus ihrer Handtasche, sog den Rauch genüsslich ein und prustet ihn aus. Ihre Ablehnung, die Art, wie sie an ihrer Zigarette zog, machte sie umwerfend; dieses kleine, blasse Gesicht, die dünnen, fransigen Lippen, die mit einem roten Lippenstift nachgezogen waren, obwohl diese Farbe ihr überhaupt nicht stand. Auch die Augen waren dunkel getuscht, an den Lidern so schwarz, als hätte sie mit einem Stück Kohle darüber gemalt. Wahrscheinlich dachte sie, das wäre westlich. Genau wie ihr Name – Kate. Sie sagte ihr Name sei Kate und ich dachte mir, das konnte unmöglich ihr Name sein.</p>
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		<title>Soundtrackstory I</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Jun 2011 15:17:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>axtimwald</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Cognac]]></category>
		<category><![CDATA[ein asiatisches Requiem]]></category>
		<category><![CDATA[Jazz]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Lady Gaga]]></category>
		<category><![CDATA[Rory Gallagher]]></category>
		<category><![CDATA[Soundtrack]]></category>
		<category><![CDATA[soundtrackstory]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich bestellte mir gerade einen Drink in der Hotelbar. Nach dem verpatzten Geschäftsessen konnte ich einen Cognac gut gebrauchen. Ich war schon oft hier gewesen und immer lief es gut, hatte mein unschlagbares Gewinnerlächeln aufgesetzt, mein Gesicht mit überaus charmanter Selbstsicherheit glattgestrichen, mein Haar mit lässiger Coolness gegelt. Den Erfolg hatte ich bereits beim Aperitif [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=axtimwald.wordpress.com&amp;blog=21869368&amp;post=49&amp;subd=axtimwald&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich bestellte mir gerade einen Drink in der Hotelbar. Nach dem verpatzten Geschäftsessen konnte ich einen Cognac gut gebrauchen. Ich war schon oft hier gewesen und immer lief es gut, hatte mein unschlagbares Gewinnerlächeln aufgesetzt, mein Gesicht mit überaus charmanter Selbstsicherheit glattgestrichen, mein Haar mit lässiger Coolness gegelt. Den Erfolg hatte ich bereits beim Aperitif in der Tasche und badete darin nach dem Dessert &#8211; ziemlich oft mit einer ziemlich schönen Frau. <span id="more-49"></span>Diese Aktion würde mich meinen Job kosten und ein ordentlicher Rausch war genau das, was ich an diesem Abend noch auf die Reihe kriegen würde. Ich orderte die Drinks und blätterte fern jeglicher Gedanken in einer Sportzeitschrift.</p>
<p>Die Beschallung war grässlich, dahinvegetierende Fahrstuhlmusik. Diese Art von Jazz, der mit seinem poppigen Lady-Gaga-Charme ein musikalisches Hirn in den Alkohol treibt &#8211; und der kam auch noch aus Bose-Boxen.</p>
<p>Marc war bereits auf dem Zimmer. Er weiß genau so gut wie ich, dass ich es verbockt hatte. Diese Gewissheit und die Tatsache, dass wir seit einer halben Ewigkeit befreundet sind, löst in ihm wohl gerade eine Gefühlsschaukel zwischen Euphorie und einer Note Wehmut aus. Weiß Gott, er kann nichts dafür, that’s business. Zu dieser Erkenntnis wird er gelangen, sobald er die Minibar geleert hat. Morgen werden wir gemeinsam Frühstücken und abreisen, uns die Hände reichen und so tun, als wäre nichts gewesen. Übermorgen werde ich meinen Schreibtisch für ihn räumen.</p>
<p>Diese Musik! Ich bin sehr sensibel, was einen schlechten Soundtrack betrifft. Pentatonischer Sing Sang wäre zumindest ehrlich, wenn auch nicht passend für meine eigene Situation gewesen. Ich glaube jede Situation verdient ihren ganz eigenen Soundtrack und zu meiner wäre nun ein Requiem recht, um mein Selbstmitleid wirkungsvoll in Cognac zu ertränken.</p>
<p>Auf die meisten meiner Situationen passt Rory Gallagher. Er ist mein persönlicher Soundtrack-Mann. Nur mit einem richtigen Soundtrack lassen sich die Momente wirklich auskosten, auch die schlechten. Als ich das erste Mal mit Nina geschlafen hatte, war es natürlich „Tattoed Lady“ (wegen der vielleicht nicht gerade einfallsreichen aber überaus erotischen Tatöwierung in Form einer Sonne auf ihrem Steiß).</p>
<p>Ich lehnte mich zurück, goss mir den Cognac die Kehle hinab, gurgelte ihn still, vielleicht auch etwas lauter und summte in meinem Kopf die Melodie von „Too much Alcohol“, den Soundtrack für den restlichen Abend, der in Endlosschleife durch meinen Kopf surrte. Vielleicht sang ich auch und vielleicht spielte ich mit zugekniffenen Augen und einer Zigarette zwischen den angespannten Lippen das Riff dieses endlos geilen Songs. Aber wer weiß das schon.</p>
<p>Obwohl die Musik recht laut war, durchdrang ein Geräusch diese gurgelnde Saxofon-Wolke (ich konnte Saxofone noch nie leiden). Wie Metall auf Marmor. Es war das Klackern hoher Pfennigabsätze, das den Raum füllte und alle anderen Geräusche für mich ausblendete.</p>
<p>Die Eiswürfel, die der Barkeeper einfüllte, glitten ohne gläsernes Klirren in das Cocktailglas. Die sich unterhaltenden Menschen wurden zu stummen asiatischen Fischen (kleinen Kois wenn man so will), die blubbernd ihre Lippen bewegten, doch es kam nichts heraus. Allein der Hall ihres Gangs erfüllte meine Ohren und setzte sich darin zu einer lieblichen Melodie zusammen, übertünchte die Fahrstuhlmusik.</p>
<p>Meine Schwester meinte einmal spöttisch, dass ich auf das Geräusch von hohen Absätzen geprägt worden sei, zumal, wenn lange filigrane Beine darin steckten. Vielleicht hatte sie recht, lange Frauenbeine in Pumps sind nicht zu verachten. Aber diese Frau war mehr als ein lässiger Blick, der haften blieb. Sie hatte einen Gang, als würde sie da, wo sie herkommt, nie wieder hingehen. Als würde sich ein Meer vor ihr teilen und hinter ihr alles verschlucken und mit sich in die ewigen Tiefen reißen, als wäre es nie gewesen.  Unheimlich. Beinah.</p>
<p>[...]</p>
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